POLITIK IM DIGITALEN ZEITALTER

von neuemodelle

Man muss seriös formulieren können und etwas zum Verschenken haben. Das sind die zwei unumwundenen Voraussetzungen, um in der Politik Erfolg zu haben. Nun ist es so, dass durchaus sehr viele Menschen seriös reden können. Man wird wohl kaum behaupten, dass die Politik der letzten Jahrzehnte an mangelnder Eloquenz gescheitert wäre. Problematischer war schon immer das mit den Geschenken. Da geht es wohl Politikern nicht anders als Privatmenschen. Geburtstags- und Weihnachtsstress – wer kennt das etwa nicht? Ein Händchen für wirklich gelungene Geschenke haben eher wenige Menschen. Leider. Politiker haben durchaus manchmal ganz nette Geschenke versprochen, mussten sie aber Ende allzu oft vorenthalten, weil ihr Geldkonto unerwartet leer war: Steuersenkungen, kostenlose Ausbildung, sichere Renten… Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Ärgerlich für den Wähler, aber bittere Realität! Viel zu viele Versprechungen mussten auf zukünftige bessere Zeiten verschoben werden. Doch die Zeiten wurden nicht besser. Die Bürger wurden immer frustrierter. Politik-Verdrossenheit entwickelte sich zum Schlagwort der Journalisten. Auch Politikwissenschaftler wussten da nicht mehr weiter. Was bloß sollte ein Politiker verschenken, um sich beim Wähler wieder beliebt zu machen? Irgendwann nach der Wende zum 21. Jahrhundert machte es dann aber Click bei einigen ultramodern denkenden Politikern. Sie sinnierten, dass im Privatleben sehr häufig Musik, Filme und Bücher mit Erfolg verschenkt werden. Und sie nahmen zur Notiz, dass die Beschenkten meist am glücklichsten sind, wenn sie nicht konkrete Musik, Filme oder Bücher verpasst bekommen, sondern man ihnen Gutscheine schenkt. Das brachte sie auf die geniale Idee eines zeitlos gültigen und sich niemals aufbrauchenden Gutscheins für Musik, Filme und Bücher! Ein Gutschein, der die Staatskonten nicht plündert, aber die Bürger überglücklich macht: Das Ticket für freies Sharing aller digital verfügbaren Inhalte, egal von wem und woher. Die Bürger bekämen einfach die aus unerfindlichen Gründen bislang vorenthaltene Erlaubnis, sich gegenseitig zu beschenken, angestoßen durch dieses politische Initialgeschenk. Click. Um diesen Prozess in Gang zu bringen, bräuchten die politischen Pioniere nur ein paar begabte Ideologen und Redner, die jeden Verdacht zerstreuen könnten, dass die Politiker nicht doch irgendwo irgendetwas gestohlen hätten oder den Bürgern in Ermangelung besserer Geschenkideen einfach das Stehlen erlaubten und sich das rächen könnte. Aber das sollte sich ja als nicht zu schwierig erweisen, denn Eloquenz war, wie gesagt, nie ein Mangel in der Politik. Das neu erfundene Ticket würde also, richtig genutzt, tatsächlich vergleichbar mit einem Video-Musik-Bücher-Gutschein in unendlicher Milliardenhöhe – für jeden Bürger einzeln und in einem Leben nicht zu verbrauchen. Wer sich darüber nicht freuen würde, müsste schon ganz schön moralisch verkorkst, überskeptisch, spießig oder ewig-gestrig sein. Um also allein für diese Idee schon viele Wählerstimmen zu bekommen, appellierten diese ultramodernen Politiker besonders an den jungen, modernen, digital vernetzten Menschen. Um ihn zusätzlich zu belohnen, kamen sie auf die Idee, ein Sahnehäubchen obendrein zu verschenken: Das versprochene Recht auf Privatverkauf digitaler Inhalte. Schlaue könnten so immer mal wieder ein paar Euro an den Dümmsten der Dummen unter Freunden und Nachbarn verdienen, nämlich an denen, die es noch nicht kapiert haben sollten, wie das mit dem Gutschein geht. Wenn dieses Konzept nicht moderne Menschen anziehen und die Politikverdrossenheit besiegen würde, welches dann?

AK