neuemodelle

weiter denken…

Monat: Dezember, 2012

INTELLIGENZ BRAUCHT KEINEN POLSTERSTUHL

Sehr geehrter Christian Handke,

als Assistant Professor of Cultural Economics an der Erasmus University Rotterdam haben Sie Erstaunliches zum Urheberrecht herausgefunden und im Gespräch mit Hilmar Schmundt von Spiegel-Netzwelt kundgetan. Unter dem phänomenalen Titel „Kreativität braucht kein Copyright“ erfahren wir: Intuitiv denken viele Menschen, dass es ohne das heutige Urheberrecht keine Kreativität geben würde, aber für diesen Zusammenhang gibt es keine Belege. Ach was? Sonst gibt es doch für jeden Unsinn Belege. Hier ausnahmsweise nicht? Vielleicht liegt das daran, dass diese Belege entgegen Ihrer Unterstellung gar nicht gebraucht werden. Die Menschen, die ich kenne, denken jedenfalls, dass Kreativität im Menschen und nicht im Rechtssystem liegt. Das Urheberrecht verleiht dem Kreativen lediglich ein Recht an seinem geistigen Werk. Es ist Wirtschafts- und nicht Talentgrundlage. Wenn Sie aber richtig liegen, denken Viele wohl auch, dass es ohne Arbeitnehmerrecht weniger Arbeit gäbe. Halten wir sicherheitshalber fest: Es gäbe schlechtere Konditionen für die Arbeitenden, aber eher sogar mehr Arbeit. Sklavenarbeit eingeschlossen. Die Menschen müssten schließlich mehr und härter arbeiten, um den Verlust ihrer Schutzrechte auszugleichen. Ja, genau so sehen Ihre Schlüsse konsequenterweise aus: Kreative müssen, wie Sie andeuten, einfach nur schneller und mehr arbeiten, um sich ohne Urheberrecht des Kopierens zu erwehren. Genau genommen müssten sie wohl schneller Neues schaffen als die Datenbanken der Netz-Giganten Altes auswerten könnten, denn ohne Urheberrecht gehören kreative Werke dem, der sie hortet und nicht dem, der sie erschafft. Die müde Meute der professionellen Kreativschaffenden würde so richtig angeheizt, und somit hätte die Allgemeinheit keinen Verlust an Werk-Masse zu befürchten. Wow, wie innovativ und zugleich human Wissenschaft in ihrer emotionslosen Stringenz doch sein kann! Und wie gut, dass Sie Quantität zum alles bestimmenden Kriterium machen! Qualität – who shares? Wir brauchen mehr solche Erkenntnisse! Da Forschung ja aber Ihrer Einschätzung nach dauern kann, habe ich einen Vorschlag: Ziehen wir Ihnen doch den professoralen Stuhl samt all seiner Sie schützenden Rechte weg! Sie müssen dann einfach ein bisschen mehr, besser und schneller forschen. Das beflügelt Ihren Geist und dient der Allgemeinheit. Dann haben wir es bald geschafft. Sowieso: Die bei vielen Menschen vorherrschende intuitive Annahme, dass nur auf gepolsterten Stühlen intelligent gedacht wird, ist (hoffentlich!) falsch. Danke, dass Sie zum Denken angeregt haben. Und vorab schon mal vielen Dank für Ihren kommenden unermüdlichen Einsatz!

AK

Advertisements

Tweet-Foto verschwunden – Instagram (File-Unsharing)

„File sharing: you don’t mind when it’s some musician’s song or a designer’s game. When it’s your shitty Instagram photos it all changes, eh?“ Ein Foto dieses Tweets von kentonallen, der auf einen Gedanken von JamesWallis verweist, macht seit gestern die Runde im Netz. Unter anderem auf Facebook allerdings ist dieses Foto nun bei allen, die es gepostet hatten, von der Wall verschwunden. Weshalb? Darüber kann man natürlich nur spekulieren. Nur ganz eventuell klingelt da, dass Instagram eine Facebook-Tochter ist und enorm unter dem tobenden Shitstorm wegen der angekündigten neuen AGB gelitten hat. Da hatte Instagram doch glatt der Eindruck erweckt, Fotos privater Nutzer zukünftig weiterverkaufen und werblich nutzen lassen zu wollen. Ein Skandal, meinen die Nutzer! Und das ist ein herber Tiefschlag für Instagram, der das Unternehmen sofort zurückrudern ließ. Schadensbegrenzung. In solch gereizter Situation braucht es nicht noch Vergleiche mit illegalem Filesharing. Wie gut also, dass das Tweet-Foto wie von Zauberhand verschwunden ist. Es lohnt nun nicht, beim Facebook-Rivalen Twitter, wo natürlich alles noch vorhanden ist, nach dem Tweet zu suchen. Denn der darin gezogene Vergleich war ja sowieso, wie in vielen Blogs analysiert wird, falsch: Die Nutzer von Instagram wollten doch ganz bewusst, dass ihre Fotos von möglichst vielen Leuten unentgeltlich gesehen und geteilt werden. Sie wollten nur nicht, dass Andere (außer der charmanten wie vertrauenswürdigen Facebook-Tochter) mit ihren Fotos Geld verdienen. Professionelle Künstler wollen hingegen mehrheitlich nicht, dass ihr Material für lau geteilt wird. Das ist doch etwas ganz anderes! Hmm. Schon klar. Aber, ist da nicht doch noch was? Sowohl in der Instagram- als auch in der Filesharing-Debatte geht es um das Recht von Content-Erzeugern, selbst zu entscheiden, was mit ihrem Material passieren darf – und eben auch, was nicht passieren darf. Der Shitstorm gegen Instagram hat nichts anderes ausgedrückt, als dass es nicht okay ist, Dinge mit Dateien zu machen, die deren Erzeuger nicht wollen. Um nichts anderes geht es denen, die vom illegalen Filesharing negativ betroffen sind. Sie wollen auch nicht, dass jemand ungefragt Geld mit ihren Werken verdient und ihnen noch nicht mal etwas abgibt: Die Betreiber der Sharing-Portale verdienen sich oft dumm und dusselig, nur weil die schönen und attraktiven Inhalte kostenlos über ihre Infrastruktur laufen. Ist das tatsächlich etwas ganz anderes, nur weil für ausführlichere Gedanken in einem Tweet kein Platz ist?

File_Sharing

Alle, die sich über die angekündigten Änderungen der Instagram-AGB aufgeregt haben, aber mit freiem Filesharing kein Problem hatten, sollten mal darüber nachdenken, dass die meisten der illegal geteilten Inhalte um ein vielfaches aufwändiger und teurer hergestellt wurden als ein durchschnittliches, aber mit Liebe erstelltes Handy-Foto, das natürlich nicht „shitty“ ist! Vielleicht ist es dann ja doch nicht ganz unverständlich, dass Erzeuger von Musik, Filmen, Büchern und Software nicht wollen, dass ihre Arbeiten in einem „kostenlosen“ Markt landen, von dem Pirate Bay, Kim Schmitz und andere massiv und parasitär profitieren. Wer dann meint, dass die Erzeuger der teuren Inhalte ja aber doch selbst profitieren, weil ihre Werke durch freies Filesharing erst richtig bekannt werden und dann ja gemäß hoch-wissenschaftlicher Studien richtig Absatz auf veralteten Märkten bringen, sollte sich bei Instagram entschuldigen, die neuen AGB in ihrer Ursprungsfassung akzeptieren und sich sagen: Wenn die Fotos ungefragt auf Werbeplakaten und sonstwo landen, wird man richtig bekannt. Man wollte doch den exhibitionistischen Hype. Sonst hätte man sie doch gar nicht erst bei Instagram hochgeladen. Man weiß doch, was passiert, wenn man etwas ins Netz stellt. Das Netz funktioniert nun mal so, dass sich die Dinge eigendynamisch weiterentwickeln. Es ist technisch möglich, also wird es gemacht. Und man selbst verdient nicht weniger, nur weil andere mit den Fotos hinzuverdienen. Die Fotos sind außerdem nicht „weg“, nur weil sie zusätzlich auf Plakaten zu sehen sind. Weg ist nur das Tweet-Foto. Wozu die Aufregung?


AK

27.12.2012 PS: „Wozu die Aufregung?“ – Das müsste man dann auch der Schwester von Facebook-Chef Mark Zuckerberg entgegenrufen. Die Psychologin regt sich nämlich mächtig auf. Ein Foto, das sie auf Facebook mit ihren Freunden geteilt hatte, war plötzlich im Twitter-Profil der Marketing-Managerin Callie Schweitzer aufgetaucht. Randi Zuckerberg findet es lt. Spiegel-Netzwelt aber generell nicht in Ordnung, ein Bild öffentlich zu machen, ohne den Urheber vorher um Erlaubnis zu fragen. „Sehr uncool“ fände sie es, das Bild einfach zu kopieren. Frau Zuckerberg, „sharing is caring!“ – hören Sie auf, von menschlichem Anstand zu faseln. Wir leben im digitalen Zeitalter!

Feyd Braybrook's Blog

zu Wort die Gegenseite

MUSIC • TECHNOLOGY • POLICY

News from the Goolag Since 2006 ~ A survival guide to the creative apocalypse: We follow issues and opinion important to professional creators. And also хулиган.

ArtLeaks

It is time to break the silence!

Virch

Notizen

The Trichordist

Artists For An Ethical and Sustainable Internet #StopArtistExploitation

campaignwatchers.de

Kommunikationswissenschaftler beobachten Wahl- und Werbekampagnen

A Composers Diary

Der Schrei nach Musik, dem richtigen Song und Gerechtigkeit

Widerhall

Über Medienarbeit und die Messung ihres Echos

der gespaltene westen

Nachdenken über Lebensaspekte in der postmodernen Welt

Ein Poesiealbum

Ideen/Gedanken/Sinvolles/Sinnfreies

11k2

11.200 m/s: Zweite kosmische Geschwindigkeit. Genügt, um die Erde zu verlassen.

Karl Eduards Kanal

Wer die Vergangenheit vergisst, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

Zentrale für subKulturelle Angelegenheiten

Just another WordPress.com site

Gerswind

Am Ende steht der Sieg!

Worte, situationsbedingt

Marc Oliver Dreher