ANNETTE SCHAVAN versus MASHPUSSY

von neuemodelle

Wir sind die ProsumentInnen. Wenn wir remixen, schreiben wir die Geschichten von Liedern, Romanen und Filmen weiter. Die Kopie ist unser Herzschlag. Sie ist der Puls des Netzes, wir können gar nicht anders als die ganze Zeit kopieren. Die Kopie ist der Reproduktionsprozess unserer Remix-Kultur, die Zellteilung, auf der jeglicher Informationsfluss beruht.

Das ist das Credo von Mashpussy, die in ihren fünf Pussyrants ausdrückt, was auch die untergehende Piratenpartei im Namen der Netzgemeinde predigt: Ein Grundrecht auf Remix, das Recht auf freies Sharen von digitalisierten Werken und eine Beschränkung der Kontrolle, die Urheber über ihre Werke ausüben können.

Aber ist der Wunsch neu? Zu treffend für bloße Satire berichtet EINE ZEITUNG, dass die Mehrheit der Internetgemeinde die auf ihrem Doktortitel ausgerutschte Annette Schavan im Bildungsministeramt lassen will, „weil sie schon 1980 copy & paste mit Schreibmaschine beherrschte“. Schavan hat, so betrachtet, ebenso wie Karl-Theodor zu Guttenberg einfach Paste-Kultur gelebt und Bestehendes ohne lästiges Zitieren „weiter geschrieben“. Ihre Doktorarbeit ist ein Mashup und sie ihrer Zeit weit voraus. Karl-Theodor zu Guttenberg hatte die Zeichen der Zeit mindestens findig erkannt und das Pasten mit moderneren Mitteln auch etwas umfangreicher betrieben.

Leider hält Mashpussy seit einiger Zeit den Rant. Fragen wir also die Piratenpartei zum Fall Schavan. Die sagt:

Eine Person, die in ihrer Dissertation geistige Leistungen anderer als ihre eigenen ausgegeben hat, ist nicht dazu geeignet, das Amt der Bildungsministerin glaubwürdig auszufüllen.

Seltsam. Das klingt irgendwie gar nicht piratig-mashig-netzgepulst. Bruno Kramm, der Mashmacker und Urheberrechtschefclown der Piratenpartei, bläst dasselbe dröge Horn:

Piraten fördern die freie Kopierbarkeit und das Verarbeiten fremder Werke ohne urheberrechtliche Barrieren. Dabei spielt für uns die Verbundenheit und Ehrlichkeit gegenüber den Autoren die wir zitieren, ein große Rolle. Plagiateure wie Anette Schavan demonstrieren eine verlogene Doppelmoral.

Ach was? Verbundenheit und Ehrlichkeit? Das sind nicht gerade die Gründungswerte der Piratenpartei. Auch die „geistigen Leistungen anderer“ standen nie als schützenswert im Zentrum. Wo immer im Jahr 2012 Kreative auf Würdigung und Abgrenzung ihrer geistigen Leistung bestanden, hörten sie von Piraten Dinge wie: Ihr macht doch gar nichts Besonderes, sondern krempelt nur das euch nicht gehörende Kulturgut ein bisschen um; das können im Zweifelsfall sogar Computer; es ist nicht hinreichend um daraus irgendwelche Vorrechte abzuleiten. „Geistiges Eigentum“, an das man bei den aktuellen Statements schon denken kann, lehnte die Piratenpartei ab und folgte lieber mit Mashpussy dem Leitbild der Wissensallmende mit fröhlich-frivol-kostenneutralem Gemeineigentum am Werkschaffen des (hoch geschätzten und natürlich nicht ausgebeuteten!) Einzelnen.

Da ist es doch erstaunlich, dass Annette Schavan von den selbsternannten Ideenkopierern nun nicht geschont, sondern angegriffen wird: Sie habe sich fremde Inhalte zu eigen gemacht. Das wirft ein neues Piratenlicht auf File-Sharer und Betreiber kommerzieller Hosting-Plattformen, die sich ebenfalls Werke Anderer zu eigen machen, indem sie sie benutzen, um sich gegenseitig Konsumvorteile oder Profite zuzuschustern, die komplett an den Erschaffern der „geteilten“ Inhalte vorbei gehen.

Ja, hier musste ein bisschen Platz für einen Piratenaufschrei gelassen werden. Es ist doch klar, dass die Fälle nicht in jeder Hinsicht vergleichbar sind. Ungehinderten Datentausch und korretes Zitieren kann man durchaus gleichzeitig fordern. Wenn man aber den größeren Kontext beachtet, erklärt sich das schale Gefühl, das die Piraten mit ihren aktuellen Statements hinterlassen: Solange es um das korrekte Zitieren in der Wissenschaft geht, sind strenge Regeln zur Abgrenzung geistiger Eigenleistungen von dem untergeordneten Informations-Kollektiv genehm. Sobald im Bereich der wirtschaftlich ausgerichteten Kulturgüterproduktion Vergütungsregeln (Verwertungsvorgänge) ins Spiel kommen, wird aber das Informations-Kollektiv als übergeordnet herangezogen, um die Eigenleistung zu schmälern. Auf Deutsch: Geistiges Eigentum ist so lange okay, wie es nichts kostet und keine Zugangsbeschränkungen bedingen kann. Das ist dann wohl der Kern der Piraten-Regel, dass seine gewissenhafte Nennung das einzige verbindliche Recht eines Urhebers sein sollte. Denn ein wahrhaft ideeller Urheber möchte doch niemals Geld mit seiner Leistung verdienen. Er ist stolz, rezipiert und zitiert zu werden. Gestützt wird die Regel, und das macht Fälle wie den Schavans hochschulintern pikant, von einigen Hochschullehrern mit einer gewissen Genugtuung, weil sie es mangels Wirtschaftlichkeit ihrer eigenen Werke gewohnt sind, nur fürs Gelesen- und Zitiertwerden in kleinen Fachkreisen zu schreiben. Sie haben mit der Minimalisierung des Urheberrechts durch Streichung von Urheberansprüchen aufgrund von Nutzungsvorgängen nichts zu verlieren. Eher gewinnen sie gegenwärtig durch den modern-piratigen Anstrich ein bisschen an Coolness und Publicity und nebenbei mehr Freiheit, fremde Werke für ihre Netz-Präsentationen zu verwenden. Jedenfalls liegt einigen die Forderung, dass doch bitte alle Kreativschaffenden dieses unwirtschaftliche Minimalprinzip leben sollten, auch wenn ihre Werke für deren Verwerter wirtschaftlich hoch einträglich sind, alles andere als fern.

Wenn man spasseshalber mal akzeptiert, dass die Nennung alles ist, was ein Urheber an verbindlicher (also auch einzufordernder) Wertschätzung seiner Arbeit erwarten darf, stimmt auch Bruno Kramms Satz: „Die PIRATEN vertreten ein positives, schöpferisches Menschenbild. Wir schätzen die Meinungen, das Wissen und die Schöpfungen anderer.“ Jeder schätzt die Schöpfungen Anderer eben auf seine Weise: Es ist Ausdruck höchster Wertschätzung, wenn Konsumenten Werke auf Tauschbörsen in Umlauf bringen. „Sharing is Caring“. Kim Dotcom hilft der Menschheit, all die großartigen Werke kostenlos tauschen und konsumieren zu können. (Bloß finden sich auf seinen Plattformen seltsamerweise so gut wie keine wissenschaftlichen Werke, sondern nur solche mit kommerziellem Potenzial. Warum eigentlich???) Das ist Ausdruck seiner Wertschätzung und kulturellen Ader. Die Piratenpartei setzt sich für das freie nonkommerzielle Privatkopieren ein, weil sie Kultur so sehr schätzt, dass an ihre Verbreitung keine Bedingungen geknüpft werden dürfen. Und wenn kommerzielle Plattformen an diesen nonkommerziellen Kopiervorgängen reich werden, ohne Urheber zu beteiligen, ist das der Piratenpartei herzlich egal.

Ja, im piratösen Nebel gibt es für jeden Nutznießer des schiefen Freiheitsverständnisses eine heiligende Schwurbelei. Für Kreative gibt es immerhin eine Beschwichtigungsformel: Wenn sie wirklich Künstler sind, kommt es ihnen auf Profit gar nicht an. Piratiges Auftreten macht also nicht nur Wissenschaftler, sondern auch sie cool und hilft ihnen im Fall von Zweifelhaftigkeit, zu beweisen, dass sie echte Künstler sind, von denen nur böse Zungen behaupten, es ginge ihnen um Geld. Einigen nützt das.

Nur für Annette Schavan gibt es aktuell nichts Nettes. Seltsam. Es könnte doch Ausdruck ihrer höchsten Wertschätzung gegenüber den benutzten Textstellen sein, dass sie die Gedanken weiterentwickelt hat. Zu viel korrektes Belegen hätte sie in ihrer Schreib-Freiheit behindert. Vielleicht wäre das Werk dann insgesamt viel schwächer geworden, oder sie hätte es neben der politischen Arbeit – wie auch Karl-Theodor zu Guttenberg – gar nicht fertig stellen können. Sie hat auch nichts gestohlen, denn die Textstellen sind im Original noch da. Da wurde bestimmt nichts aus Unikaten ausgeschnibbelt! Plagiieren ist technisch heute im Übrigen ganz einfach möglich und wirklich sehr, sehr verbreitet. Wir werden es nie völlig verhindern können. Müssen wir uns dieser Realität nicht einfach stellen anstatt mit Sanktionen dagegen vorzugehen? Sollte, falls wir Doktortitel überhaupt noch brauchen, nicht sowieso lieber das mildtätig-neutrale Unternehmen Google anstelle von korrupten Universitäten entscheiden, wer einen solchen Titel verdient hat? Google ist jedenfalls schneller im Aufdecken von kopierten Passagen als ein durchschnittlicher Professor.

Nein, im Fall Schavan endet für die Untergangspiraten dann doch strikt die Freiheit im Umgang mit fremden Inhalten. Damit schlägt allerdings auch das Rechtfertigungs-Rettungsschiff der Piraten Leck, nämlich weil deutlich wird, wie sehr verbindliche Regeln im Umgang mit geistigem Gut als Teil einer nicht nur oberflächlichen Freiheit gebraucht werden. In der Wissenschaft wird das von den Fürsprechern der „freien Kultur“ so sehr gepriesene „freie Schreiben“ und ungehinderte Remixen durch das Gebot der Zitation deutlich erschwert. Das ist für die Schreiber aufwändig und lästig, sichert aber langfristig Qualität. Auf dem Kulturgütermarkt wird das „freie Verbreiten“ durch das Gebot der Vergütung und Einwilligung zur Bearbeitung erschwert. Das ist auch aufwändig und lästig, sichert aber langfristig ein Stück Qualität von Werken und die Teilhabe der Erschaffer am wirtschaftlichen Vorteil der Werkverbreitung. Es hilft ihnen, in ihre künstlerische Zukunft und neue aufwändige Werke zu investieren. Die Metapher „geistiges Eigentum“ greift in beiden Bereichen.

Vielleicht macht der Fall Schavan deutlich, dass Mashpussy – repräsentativ für viele Netzapologeten – die Sache etwas einseitig sieht:

Das Urheberrecht zwingt KünstlerInnen in einen Wettbewerb um Originalität. Jeder gegen jeden. Urheber gegen Urheber. Eifersüchtig bewachen sie ihre geistigen Schöpfungen und beäugen argwöhnisch jeden Mitstreiter als potentiellen Dieb und Spion, der es nur auf ihr sogenanntes geistiges Eigentum abgesehen hat. Als Einzelkämpfer haben sie es nie gelernt, ihre Ideen und Werke zu teilen und in einen gemeinsamen Pool an Kreativität zu geben. Dadurch delegitimiert das Urheberrecht die Vorstellung einer Wissensallmende und verkrüppelt soziale Verbindungen.

Wie könnte man ernsthaft solchen Wettbewerb in der Wissenschaft als fördernd gut finden, in der Kunst und Kulturgüterproduktion aber als Bremse ablehnen? Dass kurzsichtige und Individualrechte mit Füßen tretende Gedankenkonstrukte, die diesen Widerspruch tolerieren, aus der Politik verschwinden, ist jedenfalls aktuell wichtiger als die legitime nachträgliche Überprüfung von Doktorarbeiten. Und es ist durchaus seltsam, dass die Überprüfung von Doktorarbeiten ausgerechnet in einer Zeit in Mode kommt, in der mehr denn je über Mashup und die demokratisch-freiheitlichen Aspekte des freien Verwurstens fremder Inhalte philosophiert wird.

AK

PS: Vielleicht haben die Gutachter auch einfach den unermesslichen kulturellen Wert der Arbeit Schavans verkannt. Denn „Kultur ist Kopie und Kopie ist Kultur“, wie bln.fm über Dirk von Gehlens Streitschrift „Mashup. Lob der Kopie“ schreibt. Die Schrift will der Besprechung zufolge mit „begrifflichen Unklarheiten wie dem ‚geistigen Eigentum‘ oder der unsäglichen Kampfparole ‚Raubkopie'“ aufzuräumen. Der Fall Schavan erscheint in einem völlig neuen Licht, denn: „… unsere binär kodierten Begriffe vom famosen Original und dessen schäbiger Kopie sind lediglich Zuschreibenden und damit soziale Konstruktionen.“ Eigentlich unverständlich, dass von Gehlen in der selben Besprechung gesagt wird, er müsse aufpassen, nicht alle Konzepte in einen Topf zu schmeißen und diese zu einem postmodernen Mischmasch zu verrühren. Genau dieses Mischmasch braucht man doch, um sämtliche Fragen von Urheberschaft und Kopie zu egalisieren und die moderne Welt zu ermöglichen, die von Frau Schavan einfach ein bisschen früher erahnt wurde.