WAHRSAGER: SKLAVENHALTERPARTEI EILT BALD AMAZON.DE ZU HILFE

von neuemodelle

Schlimme Vorwürfe werden Amazon.de in der ARD-Reportage „Ausgeliefert!“ gemacht. Von einer Schattenwelt ist da die Rede. Offenbar werden Leiharbeiter über beauftragte Subunternehmen nach allen Regeln der Kunst ausgebeutet: Zu siebt in eine kleine Hütte gestopft und im Keller des Restaurants abgefüttert wie die Schweine; gruppenweise in kleine Bungalows zum Schlafen geschickt; überall von einer paramilitärischen Security gegängelt, deren Männer rechtsradikal anmutende Thor-Steinar-Pullis tragen; weit unter Tarif bezahlt; für Verspätungen der von Amazon.de selbst geheuerten Busse mit Lohnabzug bestraft; faktisch rechtelos und jederzeit ohne Angabe von Gründen wieder gekündigt; nach erbrachtem Nutzen wie Postpakete ins Heimatland zurückgeschickt.

Moderne Sklaverei scheint das zu sein, ermöglicht durch Leiharbeitsfirmen wie Trenkwalder, mit deren Hilfe Amazon.de arbeitsrechtliche Richtlinien unterläuft, um am Ende billiger als die Konkurrenz zu sein.

„Wie weit darf billig gehen?“ fragen die Autoren der Reportage. Unterdessen fragen sich manche Konsumenten im stillen Kämmerlein besorgt, ob etwa Produkte bald teurer werden, weil Amazon.de sich von dem moralischen Schreckensbild zu humaneren Praktiken genötigt fühlen könnte.

Wahrsager allerdings sehen, dass die Praktiken noch einige Zeit Bestand haben werden. Die Firma Trenkwalder gibt sich schließlich nicht umsonst den Slogan „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt!“. Das ist programmatisch. Magische sieben Jahre nach einem ominösen Ereignis in Schweden, das hier zur Unglücksvermeidung nicht benannt wird, müsste sich laut Orakel um Amazon.de herum aus der Infrastruktur von Trenkwalder eine politische Partei gründen, um den moralischen Schrecken zu verjagen und das attraktive Billig-Angebot samt seiner dreckigen Geschäftspraktiken gesellschaftlich zu rechtfertigen. Die Partei hat unmittelbar gute Chancen bei den Wählern, da viele von ihnen gern weiter billig und bequem bei Amazon.de bestellen und von den etablierten Parteien die Nase voll haben.

Die neue Partei wird dem Orakel zufolge den Anstrich einer ultramodern-verbraucherfreundlichen Freiheitspartei haben und zehn magische Kriterien erfüllen:

1)   Sie wird nach dem schlimmsten Vorwurf benannt sein, den Amazon.de ertragen muss. Also: Sklavenhalterpartei. „Sklavenhalter“ dient als Geusenwort. Es fängt die Verunglimpfung auf und bewirkt eine gesellschaftliche Neubewertung. Der Mythos: „Ihr nennt uns Sklavenhalter – wir nennen uns Sklavenhalter. Da habt ihr den Salat!“ Als Logo wird sie den orangefarbenen Amazon-Pfeil zum S-förmigen Messer umgestalten.

2)   Sie wird  alle positiven Einzelaspekte der Praktiken von Amazon.de zu dem Weltbild zusammenschustern, dass Leiharbeit grenzenlos human ist: Leiharbeit schafft goldene Arbeitsmöglichkeiten für Menschen, die Arbeit bitter nötig haben; Leiharbeit ist für ausländische Arbeiter wie ein kostenloser Sprachkurs; kein normaler Arbeiter schläft so fest und sicher, wie wenn er von H.E.S.S. Security gratis überwacht wird. (Die spanische Mutter von drei Kindern sagt in der Reportage ja auch, dass sie froh war, bei Amazon.de arbeiten zu dürfen.) Vor allem: Durch Leiharbeit werden die Arbeiter befreit von den Gängelungen fester Verträge und tariflicher Löhne. Freie Arbeit und freier Zugang zu humanen Ressourcen wird also das das höchste Ideal in diesem Weltbild sein.

3)   Sie wird darauf pochen, dass die Praktiken von Amazon.de in der digitalen Gesellschaft normal und daher zu akzeptieren sind. Leiharbeit nach dem Modell Trenkwalder ist schließlich Realität. Und die Amazon-Busse, mit denen Menschen wie Spielzeug zusammengehäuft und herumgeschoben werden, halten die Überbesetzung doch technisch einwandfrei aus. Was technisch möglich ist, muss man akzeptieren.

4)   Sie wird einen niedlichen Reim bemühen, der vor allem jungen Menschen zu einem zeitgemäßen Gefühl gegenüber Arbeitern verhilft: Leihen ist Weihen.

5)   Sie wird behaupten, dass Gehaltszahlungen überkommen sind und es Sache der Arbeiter ist, sich neue Entlohnungsmodelle auszudenken, da es nicht Aufgabe einer Partei sein kann, hier vorzugreifen.

6)   Sie wird für Gewerkschaften, Betriebsräte, Arbeitnehmerverbände, Arbeitsanwälte etc. einen zusammenfassenden Hassbegriff schaffen: Arbeitermafia.

7)   Sie wird betonen, dass es genug Menschen gibt, die gern arbeiten und denen man daher auch keinen wirklichen Schaden zufügt, wenn man sie unter Tarif bezahlt. (Menschen, die beim Arbeiten an Geld denken, sind gar keine echten Arbeiter, weil es ihnen ja ums Geld geht und nicht ums Arbeiten.)

8)   Sie wird Billig-Versandhäusern neoliberal alle Freiheiten ermöglichen. Gleichzeitig wird sie verrottetes kommunistisches Allgemeingut zur politischen Notsuppe heißkochen: Die Produkte, die Amazon.de verschickt, sind so wichtig, dass man es vor der Gesellschaft nicht verantworten kann, dafür fair bezahlte Arbeitskräfte einzusetzen.

9)   Sie wird dankbar alle wissenschaftlichen Studien zitieren, die der amerikanischen Milliardenkonzern Amazon im Rahmen seiner Lobby-Arbeit finanzieren wird. Die Studien werden belegen, dass Leiharbeit Menschen positiv ins Arbeitsleben integriert und sie nur Vorteile daraus ziehen. Leiharbeiter werden in der Regel durch Headhunter entdeckt und machen schneller Karriere. Vor allem werden Studien systematisch gegen das Arbeitsrecht ankämpfen und klarstellen, dass Menschen auch ohne Einhaltung rechtlicher Standards bereit sind, für ihr Überleben zu arbeiten und ihren Bossen ohne altmodische Rechte viel souveräner gehorchen.

10)  Sie wird intern in höchstem Maße intrigant und zerstritten sein, da der Hang ihrer Funktionäre zum Ausboten und Abzocken so groß sein wird, dass sie ihn auch aneinander ausleben werden. Sie werden erst freiwillig und unentgeltlich bis zum Anschlag arbeiten, um den Leiharbeitern ein gutes Vorbild zu sein. Dann werden sie sich entnervt gegenseitig Ausbeutung und Versklavung vorwerfen und reihenweise an Burnout erkranken. Irgendwann, wenn sie erste Landtage ergattert haben, werden sie fairere Entlohnung und Arbeitsbedingungen für sich selbst fordern und immer wieder sagen: Wir wollen das Arbeitsrecht nicht abschaffen, sondern nur reformieren. Das allerdings wird sie von anderen Parteien ununterscheidbar und zusammen mit unzähligen Skandalen so unglaubwürdig machen, dass sie nach einem kurzen Hype wieder von der politischen Bildfläche verschwinden werden. Ein paar positive Anstöße für ein modernes Arbeitsrecht werden die etablierten Parteien durch die Giftkur dennoch bekommen. Auch wird man nachdenken, wie weit billig mit Wertschätzung dessen vereinbar ist, was man erwirbt – vor allem mit der Wertschätzung der hinter Produkten und Leistungen stehenden Menschen.

AK

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