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LICHTNAHRUNG STATT URHEBERRECHT

Gern wird in diesen Tagen das Urheberrecht von Politikern zur Disposition gestellt, um den Weg für ein „freies Internet“ zu ebnen. Das Urheberrecht sorgt schließlich dafür, dass die Erschaffer von Musik, Film, Literatur und Fotografie ihren Anteil einfordern dürfen, wenn Plattformen einen wirtschaftlichen Vorteil durch Einbindung der Werke haben. Eigentlich ist das Urheberrecht der Inbegriff von fairem Ausgleich zwischen wirtschaftlich stärkeren Verwertern und wirtschaftlich schwächeren Kreativschaffenden. Gerade im linken politischen Spektrum sollte es akzeptiert sein.

Dem ist aber nicht so. Zu sehr drängt das Verlangen der Allgemeinheit nach kostenlosem Medienkonsum auf Verwirklichung in der politischen Agenda. Und zu sehr sorgt das Urheberrecht dafür, dass Plattformen einflussreicher und lautstark wetternder Firmen, die die Werke der Kreativschaffenden „verschenken“ (um sich selbst die Werbeeinnahmen einzustecken), sich über Abgaben und Gewinneinbußen ärgern. Zu sehr haben manche Vertreter der Grünen und der Linkspartei ihre Segel in den Wind des Digital-Kapitalismus gehangen, als dass sie noch mehr als symbolisch Rücksicht auf die (fürs Wahlergebnis irrelevanten) Kreativschaffenden nehmen könnten. Ausgleich ist für sie nicht mehr, dass Erlöse aus kreativer Leistung fair aufgeteilt werden. Ausgleich ist vielmehr, wenn kreative Leistung kostenlos erschwinglich wird und die Lobbyisten der Netz-Monopolisten zufrieden sind.

Aber durchaus machen sich einzelne Politiker intensivere Gedanken, weil sie wissen, dass das kreative Gut, das sie für ein paar mehr Wählerstimmen so gern für lau unters Volk verteilen, mit der Zeit schwinden könnte. „Grundeinkommen statt Urheberrecht?“ heißt die – zum Selbstschutz mit einem Fragezeichen versehene – Antwort des Politikers Ilja Braun von der Linkspartei. Als Ausdruck der Komplexität seiner Idee hat er ein ganzes Buch geschrieben, allerdings kann man den Grundgedanken auch – zeitgemäß kostenlos – auf der für Urheberrechtsdemontagen empfänglichen Plattform iRIGHTS.info (deren Finanziers so bekannt sind wie Helmut Kohls Spender) lesen.

Es entfaltet sich ein bestechend einfaches Gedankenmodell: Das Urheberrecht sollte ja mal die Autonomie und den Lebensunterhalt von Kreativen sichern. Kreativ sind heute aber „irgendwie alle“, und insofern kann die Vergütung der Kreativen in eine Zuwendung transformiert werden, die allen zugute kommt: Das Bedingungslose Grundeinkommen. Dass es wenige Kreative gibt, deren Werke massenhaft rezipiert werden und viele Kreative, die nichts Ergiebiges beisteuern, kümmert ihn genau so wenig wie die Piratenpartei, die auf eine ähnliche gedankliche Gleich(mach)ung setzt. Kreativität ist schließlich „demokratisiert“. Das klingt toll, und danach ist es gestrig, zwischen einem Bestseller-Autor und dem Verfasser einer Produktrezension bei Amazon zu unterscheiden. Beide sind kreativ. Gleichwertig. Basta.

Dieser von nicht zu glaubendem Respekt für die professionell und erfolgreich tätigen Kreativschaffenden getragene Gedanke könnte also alle Probleme des Urheberrechts in der digitalen Gesellschaft mit einer Keule lösen: Das Urheberrecht kann weg, wenn Kreative (also Alle) sowieso ein Dach über dem Kopf hätten und nicht verhungern müssten.

Das ist revolutionär. Das Recht des Stärkeren wird durch die politische Linke mit gesellschaftlicher Fairness digital versöhnt. Das ließe sich ausbauen. Man muss das Bedingungslose Grundeinkommen gar nicht überstrapazieren. Wenn Menschen endlich in der Lage wären, ihre physische Energie aus stets kostenlos vorhandenem Licht zu ziehen, bräuchten sie keine Beteiligungen am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Leistung. Sie könnten im Gegenzug ihre Werke kostenlos ins Netz stellen – zum Wohle der Gesellschaft und der Monopolisten. Lichtnahrung statt Urheberrecht. Der Begriff Hungerkünstler bekäme eine positive, zeitgemäße Dimension. Ausbaufähig ist der Gedanke vor allem (und wenn einem das zu esoterisch ist) aber auch in eine andere Richtung: Alle Schutzrechte können bald abgeschafft werden. Wozu brauchen wir etwa noch aufwändig durchzusetzenden Kündigungsschutz? Es muss doch endlich in Ordnung sein dürfen, wenn ein Unternehmen seinen Arbeitnehmer mal eben in die Wüste schickt, wo kostenlos die Sonne scheint und ihm sein bedingungsloses Grundeinkommen niemand nehmen kann.

AK

FAIRE C3S-ALTERNATIVE GEFRAGT

Die Cultural Commons Collecting Society, kurz C3S, ist nun eine eingetragene Genossenschaft und kann den Betrieb aufnehmen. Ziel ist der Betrieb als Verwertungsgesellschaft für musikalische Urheber. Zwar fehlen für eine Zulassung beim Deutschen Patent- und Markenamt (DPMA) noch 2.200 von 3.000 notwendigen Mitgliedern, aber die können ja noch kommen. Immerhin bezeichnet sich die C3S schon seit Jahren als „faire GEMA-Alternative„. Und was fair ist, müsste doch Musikurheber und Musiknutzer gleichermaßen überzeugen.

Es gibt da nur ein kleines Grundsatzproblem: Die vermeintliche Fairness der „Cultural Commons Collecting Society“ (C3S) wird – streng genommen – schon durch ihren Titel widerlegt. „Cultural Commons“ steht für kulturelles Gemeingut. „Collecting“ steht für das Schließen von Lizenzverträgen zum Abgabeneinzug mit Werknutzern. Und „Society“ deutet wohl auf das Ziel eines geschäftsmäßigen Auftretens hin. Wie geht das alles zusammen? Kulturelles Gemeingut wird gemeinhin als gemeinfrei verstanden. Wer außer einem gemeinen Abzocker käme auf die Idee, dafür plötzlich Lizenzabgaben einzuziehen? (Und wird die C3S etwa abmahnen, wenn ein Nutzer die Abgaben nicht zahlt?) Das Urheberrecht sieht solche Lizenzabgaben jedenfalls zum Wohle der Allgemeinheit nicht vor. Und die GEMA, im Umkreis der C3S nicht selten ohne nähere Kenntnis als Abzockerverein hingestellt, hat hier keinen geltenden Tarif. Sie zieht lediglich Lizenzabgaben für musikalisches Kulturgut ein, das geistiges Eigentum und eben nicht kulturelles Gemeingut ist. Das macht mehr Sinn und ist auch fairer.

Nur versteht es die GEMA nicht, sich mit rhetorischem Bluff als fair in die Köpfe der Menschen zu graben. Aber vielleicht wird sie ja als „faire Alternative“ gefragt sein, wenn die C3S erstmal mit der Wahrnehmung von Rechten begonnen und sich bei ersten zahlungspflichtigen Nutzern unbeliebt gemacht hat. Fair allein schon, weil sie ohne Etikettenschwindel im Titel auskommt und nicht durch „Gemeingut“ suggeriert, hier gäbe es frisches Kulturgut umsonst. Denn gäbe es das wirklich, bräuchte man keine Collecting Society. Oder es wäre verdammt unfair gegenüber den vertretenen Kulturschaffenden.

AK

GEKENTERT

Das Boot ist tot. Die grüne Bodenbewachsung bleibt zu beobachten.

Das Boot ist tot. Die grüne Bodenbewachsung bleibt zu beobachten.

 

AK

PIRATDETEKTIV: BOHLEN HAT NICHT GESTOHLEN

In Pressemitteilungen wird behauptet, Dieter Bohlen habe geklaut. Für den Andrea-Berg-Song Piraten wie wir soll Bohlen unverhohlen Melodieteile sowie rhythmische und klangliche Merkmale aus dem Tina-Turner-Song The Best genommen haben.

Foto: Dirk Vorderstraße, Lizenz: CC BY 3.0

Foto: Dirk Vorderstraße, Lizenz: CC BY 3.0

„Bohlen hat gestohlen“ reimt sich. Aber stimmt es auch? Zur endgültigen Aufklärung hatte der Poptitan direkt nach Bekanntwerden der Vorwürfe – inspiriert durch den Titel seines Songs – einen Piratdetektiv engagiert. Dessen Auftrag bestand aus zwei Teilen.

Erstens sollte er sämtliche Musikdateien, die auf einer Kopie von „The Best“ beruhen, auf das Fehlen der von den fleißigen Musikwissenschaftlern benannten musikalischen Parameter untersuchen. Dazu fand er zunächst heraus, welche Institution den umfassendsten Zugriff auf die Daten weltweiter Computernutzer hat. Die Ermittlungen führten ihn zunächst zur NSA, jedoch stellte sich heraus, dass Google hier weit voraus ist. Der Detektiv konnte schließlich einen Fingerabdruck von „The Best“ mit Googles Datenbeständen vergleichen. Das Ergebnis: Nirgendwo fehlten Töne, Rhythmen oder Klänge.

Zweitens musste der Piratdetektiv das Original von Tina Turner untersuchen. Wie Google ihn an das Masterband geführt hat, darf er nicht sagen. Google hat in bewährter Manier ein Non-Disclosure-Agreement verfügt. Sanktioniertes Stillschweigen. Aber das Ergebnis liegt nun offen: Auch im Original der Aufnahme fehlt kein einziger Ton.

Es ist also infam, Dieter Bohlen Diebstahl vorzuwerfen. Es fehlt ja nichts! Gleichzeitig ist bewiesen, was die Piratenpartei und immer größere Teile der Grünen längst erkannt haben: „Geistiges Eigentum“ ist eine Fehlkonzeption, und noch schlimmer ist es, vom „Diebstahl“ geistigen Eigentums zu sprechen. Denn wo nichts fehlt, kann kein Diebstahl stattgefunden haben. Dieter Bohlen hat Tina Turner nichts weg genommen, so wie auch kein Internetnutzer jemandem etwas weg nimmt, wenn er Songs oder Filme über Tauschbörsen oder Sharehoster unlizenziert verbreitet.

Unverständlich bleibt, wieso sich die selben Leute, die für freies Filesharing sind, über Dieter Bohlens „Diebstahl“ ereifern. Genauso wenig, wie der Titan Tina Turner um Erlaubnis gefragt hat, haben sie jemals die Urheber von Songs
oder Filmen um Erlaubnis gefragt, bevor sie sie munter kopiert, verbreitet oder verwurstet – und manchmal über Youtube zu Geld gemacht – haben. Dieter Bohlen macht auch nur Geld. Und die NSA sowie Google nehmen ebenfalls niemandem etwas weg, wenn sie Kopien persönlicher Nutzerdaten auf ihren Servern speichern und verwursten.

„Everything is a Mashup“. Ob Songs, Filme oder Nutzerdaten – egal. „Sharing is caring“. Wer sich aufregt, ist von gestern.

Was im Fall Bohlen erneut deutlich wird: Der technische Fortschritt erfordert ein Umdenken auf allen Ebenen. Die Zukunft gehört der offenen Vernetzungskultur, in dessen Grundfeste Moral und der Begriff des Diebstahls einfach nicht passen. Allerdings wird dieses Umdenken noch einige Zeit in Anspruch nehmen und wohl noch viele Piratdetektive beschäftigen.

Immer mehr Anti-Abmahn-Anwälte, die nach den jüngsten Vorstößen des Bundesjustizministeriums gegen ihre besten Arbeitsbeschaffer, die Abmahnanwälte, um ihr Geschäft fürchten, satteln übrigens mittlerweile auf Piratdetektiv um. Hier können sie tun, was sie immer taten: Beweisen, dass kein Diebstahl stattfand, obwohl er wahrscheinlich doch stattfand.

AK

MUSIK HAT AUSGEDIENT

Ein umfassendes Reading aller wissenschaftlichen Studien zum Thema „Musik im Netz“ konnte heute abgeschlossen werden. Das Ergebnis ist frappierend. Alle Studien kommen zu dem Ergebnis, dass „Piraterie“ der Musikbranche mehr nützt als schadet. Wahrscheinlich gäbe es ohne Piraterie gar keine herkömmliche „Musik“ mehr.

Der Mechanismus wird einheitlich dargestellt: Wer einen Musiktitel über eine Internet-Tauschbörse oder einen File-Hoster kostenlos saugt, kauft ihn anschließend selbstverständlich zusätzlich bei einem legalen Anbieter. Sollte der Kauf unterbleiben, kann klar davon ausgegangen werden, dass die betreffende Person den Musiktitel auch ohne illegales Gratis-Angebot nie gekauft hätte. Alle Parteien sind also Gewinner des freien Datentausches. Das ist nicht nur erfreulich für Google, Kim Dotcom und die gebeutelten Jungs von The Pirate Bay, sondern zeigt zugleich etwas ganz im Allgemeinen höchst Erfreuliches: Im Netz herrscht hundertprozentige Aufrichtigkeit.

Wenn die Musikbranche nach Gründen für den drastischen Rückgang ihres globalen Umsatzes seit Verbreitung des Internet sucht, muss es dafür plausiblere Gründe als unregulierte Gratis-Verbreitung geben. Aus den Studien lassen sich vor allem zwei gewichtige Gründe schließen. Diese haben zwar durchaus etwas mit dem Netz zu tun, aber in anderer Weise als bislang angenommen.

Der erste Grund: Menschen mögen Musik einfach nicht mehr so gern. Sie sind heute mit anderen Dingen beschäftigt. So wie die Pferdekutsche irgendwann mal ausgedient hat, ist auch Musik ein Relikt alter Zeiten. Gänsehaut, lange als eine magische Wirkung von Musik gefeiert, wird heute eher als störend und unangenehm empfunden. Entscheidend hat zu diesem Auffassungswandel das Netz beigetragen: Über lange Zeit hinweg haben die Menschen nicht gemerkt, dass sie einer gestrigen und von der Musikindustrie aufgezwungenen Kulturform erliegen und sich freiwillig für teures Geld Krankheitssymptome – mitunter auch Tränen oder heftiges Popowackeln – zuziehen. Erst der freie Austausch von aufklärenden Informationen im Netz hat das überkommene Wesen der Musik bloßgestellt. Musikwissenschaftler, von Natur aus gegen Gänsehaut und andere Wirkungen immun, wussten das zwar schon immer, aber ihre Studien waren zwischen Buchdeckeln eingeklemmt und nicht zugänglich, bevor Google anfing, zum Gemeinwohl das Urheberrecht zu brechen.

Der zweite Grund: Musikalische Begeisterung, gilt, wenn es sie noch gibt, kaum noch den Werken von „Komponisten“ und „Textdichtern“. Paul McCartney oder David Guetta sind ebenso Musik-Dinosaurier wie zeitgenössische Konzert- oder Filmkomponisten und überhaupt alle, die dem altmodischen Berufsbild folgen und von ihren Musikschöpfungen leben wollen. Sie haben ausgedient. Musik hat ausgedient. Ein Stück weit zumindest. Heute steht der Prosument im Mittelpunkt der Netzwelt. Er produziert und konsumiert gleichermaßen und ist dank „GarageBand“ nicht mehr auf die zweifelhafte Ware von Profis angewiesen. Jeder erstellt heute im Handumdrehen seinen eigenen Content und schenkt ihn der Allgemeinheit. Dieses harmonische Geben und Nehmen umgeht jeden gewohnten Markt und markiert den Beginn eines Soundcode 2.0. Er wird unter Verwendung des veralteten Begriffs teilweise auch als „freie Musik“ gefeiert, weil er durchaus Ähnlichkeiten mit Musik hat, sein Konsum aber frei von Kosten und Nebenwirkungen ist.

Die Musikbranche sollte also froh sein, wenn sie mit ihrer gestrigen Kulturform im strahlenden Meer des Soundcode 2.0 überhaupt noch Profite erwirtschaftet. Sie sollte vor allem den Prosumenten dankbar sein. Sie erwischen nämlich ab und zu im aufrichtigen Glauben, ein hochwertiges eigenes Stück auf Youtube hochzuladen, versehentlich einen zufällig noch auf ihrer Festplatte herumgammelnden McCartney oder Guetta. Solche Flüchtigkeitsfehler im Bereich des „User Generated Content“ halten die Dinosaurier der Musikbranche am Leben. Plattformen wie Youtube sind da überaus tolerant und nehmen es sportlich in Kauf, dass das verstaubte Image der hochgeladenen Blindgänger auf die Plattform abfärben und Umsatzeinbußen bewirken könnte. Und auch Wissenschaftler sind tolerant. Manche von ihnen legen sogar ein gutes Wort für die Dinosaurier ein und fordern, Musik ab sofort zum Remix frei zu geben. So könnte der dinosaurische Datenmüll durch ein paar Mausklicks auf zeitgemäß kostenfreien Soundcode 2.0 upgegraded werden. Es wäre ja auch unverantwortlich, der Allgemeinheit den Müll vorzuenthalten und ihn nicht frei verfügbar zu machen. Er ist Teil unseres kulturellen Gewissens und ein wichtiger Rohstoff für Neues.

Man sollte also die Dinge ihrem natürlichen Schicksal überlassen und an das Gute im Netz glauben. Vielleicht können sich professionelle Komponisten und Textdichter dann sogar noch längerfristig als kulturelle Randerscheinung halten. Es gibt schließlich auch immer noch Kutscher.

AK

PS (02.04.2013): Nicht alle Leser haben verstanden, dass der obige Text ein Aprilscherz ist. Vielleicht liegt das daran, dass für Netzideologen jeder Tag ein erster April ist und wir solchen Jargon schon gewohnt sind.

McDONALD’s EROBERT SCHULEN, GOOGLE EROBERT UNIVERSITÄTEN

McDonald’s & Co. raus aus den Schulen!“ ruft „foodwatch“ aktuell. Stein des Anstoßes: Am Bündnis für Verbraucherbildung, das Grundschulkinder in Ernährungsfragen bilden soll, sind ausgerechnet McDonald’s, Rewe und Metro beteiligt. Die Unternehmen könnten ihre erkaufte Position nach US-Vorbild ausnutzen und den Kindern unter dem Deckmantel der Aufklärung noch mehr Appetit auf Fast Food und Pferdelasagne machen.

Was aber ist, wenn ein Milliardenkonzern ein ganzes Universitäts-Institut finanziert? Und wenn umstrittene Gesetzesänderungen im Interesse des Konzerns durch das Institut voran gebracht werden könnten?

Die Rede ist vom Institut für Internet und Gesellschaft. Es befindet sich in der juristischen Fakultät der Alexander-Von-Humboldt-Universität in Berlin und soll die durch das Internet ausgelösten Veränderungen in der Gesellschaft untersuchen. Initiator und bislang einziger Geldgeber ist der Konzern Google, der zunächst 4,5 Millionen Euro für die ersten drei Jahre zahlt.

Nun muss man nicht gleich annehmen, dass so etwas wie Geld jeden Berufsethos von Wissenschaftlern unmittelbar vernichtet. Gedanken an einen von Google erhofften Kunstrasen für eine googlegünstige Politik drängen sich jedoch auf. Es ist ja bekannt, dass Google datenschutzrechtliche Hürden ebenso zu durchbrechen versucht wie geltendes Urheberrecht, um sich alles Digitalisierbare zu Nutze machen zu können. Dass es Menschen gibt, die ihre Häuser nicht auf Google Street View zeigen möchten, stört Google ebenso wie die Tatsache, dass Buchautoren sich von Google Books übervorteilt sehen, Fotografen die neue Google-Bildersuche als Raubzug empfinden und Komponisten Googles Videoplattform Youtube über ihre Verwertungsgesellschaften zu fairen Vergütungen bewegen wollen. Weniger hingegen stört sich Google anscheinend daran, illegale Plattformen durch Werbemaßnahmen zu unterstützen, um an den rund um die unregulierte Distribution von Musik, Filmen und Büchern generierten Werbeeinnahmen zu partizipieren und digitale Geschäftsmodelle der Kreativen zu torpedieren. Um seine Pfründe mehren zu können, investiert Google Kritikern zufolge jährlich Millionen gegen Urheberrechte.

Im Grunde ist die Frage müßig, ob das Berliner Institut von Google ideologisch gelenkt wird. Google kann den Dingen freien Lauf lassen, denn die Beschäftigten werden sich ihre eigenen stillen Gedanken machen, ob sie Google in den Rücken fallen oder stützen. Bislang hat sich nämlich kein vergleichbar potenter Geldgeber für eine Anschlussfinanzierung gefunden. Und schon die bloße Möglichkeit einer Beeinflussung von universitärer Forschung durch mächtige Geldgeber schadet nicht nur dem Ansehen der Humboldt-Universität, sondern darüber hinaus dem Vertrauen der Bürger in die Wissenschaft als objektivierende und von Konzerninteressen unabhängige Kraft in der Gesellschaft.

Auf das Thema Urheberrecht ist die Instituts-Mitdirektorin Jeanette Hofmann spezialisiert. Sie sieht dessen Relevanz für die Regulierung des Austausches von Kulturgütern als überbewertet an, etwa hier ab 1.11.34:

My idea is that the discussion we have on copyright sort of overemphasizes the importance, the relevance of copyright in regulating our exchange of cultural goods.

Oft verwendet sie in öffentlichen Statements offene Formulierungen, etwa hier:

Es ist gar nicht ganz klar, ob es das Urheberrecht tatsächlich braucht. Wenn ich keine Rechte an meinem Werk hätte und ich würde jetzt zu einem Verleger gehen und sagen: hier ist mein schönes Manuskript, willst du es drucken, dafür möchte ich aber dann gerne etwas Geld sehen? Dann würde ein einfacher Vertrag vermutlich genau das erreichen, was das Urheberrecht auch intendiert.

Einem von seinen Lizenzrechten lebenden Urheber gehen unmittelbar die Alarmglocken an: Der Verleger (oder wer auch immer) könnte mein Werk auch einfach so nutzen, wenn „ich keine Rechte an meinem Werk hätte“. Ich muss es ihm zur Begutachtung ja erstmal überlassen. Ein Urheber würde in diesem Konstrukt zu dem leicht auszubeutenden Abfindungs-Bettler, der er in der Geschichte einst war. Solch ein Eindruck darf aber nicht zu der Behauptung verleiten, Frau Hofmann halte das Urheberrecht für überflüssig oder stelle sich gar auf die Seite derer, die mit illegalen Filmkopien Geld verdienen. Einen ZEIT-Artikel, in dem genau das stand, ließ sie über eine einstweilige Verfügung aus dem Netz nehmen. Sie sieht nämlich die Unabhängigkeit ihrer Forschung als gesichert an, ist mitunter als Kritikerin von Google vor der Zeit am Institut hervor getreten und merkt auch aktuell an, das Urheberrecht nicht in Gänze abzulehnen.

In einem Vortrag bei Bündnis 90 / Die Grünen thematisiert Frau Hofmann die Frage, ob das Urheberrecht wichtig ist, um Marktversagen zu verhindern. Ihre Beispiele sind bemerkenswert: Standup-Comedians genießen kein Urheberrecht für ihre Witze, können aber keine Witze von Kollegen klauen, ohne Gesichtsverlust zu erleiden. Ebenso gebe es einen funktionierenden Handel mit TV-Formaten, obwohl diese nicht geschützt seien. TV-Produzenten wollten oft auch gar keinen Schutz, um mehr Freiheit zu haben. Sie zieht also Beispiele aus dem Bereich der urheberrechtlich (aus gutem Grund) nicht geschützten Ideen heran, um zu vermitteln, dass im Bereich der (aus gutem Grund) urheberrechtlich geschützten Werke ein Markt auch ohne ein starkes werkbezogenes Schutzrecht funktionieren könnte. Das erinnert an das neoliberale Motto: Der Markt regelt das alles ganz allein – es ist gar nicht ganz klar, ob es den Markt ordnende Gesetze überhaupt braucht.

Problematisch ist ihr Übertragungsversuch allemal, schon weil die Voraussetzungen dafür nicht stimmen. So ist ein TV-Format in einzelnen seiner Elemente, etwa in konkreten Skripts, sehr wohl urheberrechtlich geschützt. Ungeschützt ist lediglich die Format-Idee. Aber auch die einem urheberrechtlich geschützten Werk zu Grunde liegende Idee wird stets nicht vom Schutzrecht erfasst. Jeder Mensch hat das Recht, sie aufzugreifen und selbst weiterzuentwickeln. Anstatt also TV-Produzenten, die keinen Schutz von Formatideen wollen, als potenzielle Vorbilder für ein gelockertes Werkschutzverständnis hinzustellen, wäre es entzerrend, einfach zu sagen, dass auch Urheber in aller Regel keinen Ideenschutz wollen. Auch sie bevorzugen die Freiheit, Ideen aufzugreifen und zu eigenen Werken auszugestalten. Wer ein Buch oder einen Song schreibt, greift darin immer auch auf vorhendenes Ideengut zurück. Das Urheberrecht hindert daran nicht, und das ist gut so! Hingegen hindert das Urheberrecht sehr wohl Unternehmen – etwa auch Google – daran, sich einfach an fremden Werken zu bedienen und sie unlizenziert zum eigenen Profit frei zugänglich zu machen. Auch das ist gut so!

Interessant ist aber an Jeanette Hofmanns Darstellung auch, was sie nicht beleuchtet, obwohl es dringend dazu gehört: Comedians müssen nicht Urheber und noch nicht mal Ideenhaber der Witze sein, die sie vor Publikum aufführen. Und TV-Produzenten sind häufig nicht Urheber oder Ideenhaber der Formate, mit denen sie handeln. Somit können weder Comedians noch TV-Produzenten als Indiz dafür herhalten, dass urheberische Schutzrechte verzichtbar sind. Der funktionierende Handel mit TV-Formaten führt vielmehr denen, die ihn von innen her kennen, die Schattenseiten nicht wirksamer Schutzrechte vortrefflich vor Augen: Viele Konzept-Ideen Freischaffender landen auf den Tischen von Produzenten, um erst abgelehnt und später ohne Beteiligung der wahren Ideenhaber verwirklicht zu werden. Stille, unbekannte Ideenlieferanten werden regelmäßig ausgebeutet – der Markt weiß ihr Potenzial effizienter als gerecht zu nutzen.

Urhebern ihre Schutzrechte wegzunehmen würde nicht nur ihre Ideen, sondern vollendete Bücher, Musikstücke oder Filme zum Freiwild von Ausbeutern machen. Am Erfolg ihrer geistigen Leistung würden vor allem die cleversten Geschäftsleute unter den Urhebern beteiligt, nicht die begabtesten Künstler. Den Status von Witzen heranzuziehen, um einen Zustand zu rechtfertigen, der zu Ellenbogenkultur und Enteignung der Schwächeren führen könnte, erscheint bodenlos und aberwitzig, wenn man bedenkt, dass ein Werk – meist anders als eine Idee – bis zur Fertigstellung oft neben Liebe, Talent, Erfahrung und Ausbildung lange harte Arbeit und mitunter beträchtliche finanzielle Ressourcen benötigt. Ein längerer konkret ausformulierter Witz eines Standup-Comedians, der eine vergleichbare Schöpfungshöhe erreicht, ist selbstverständlich auch urheberrechtlich geschützt. Es stellt sich die Frage, ob Frau Hofmann einen nicht geschützten Zweizeiler mal ein bisschen mit einem Hollywoodfilm verglichen wissen will, um Gedanken darüber anzuregen, ob der Hollywood-Film nicht auch mit weniger Urheberrechtsschutz auskäme. Sollten solche Gedankenspiele tatsächlich wesentliche Teile des Forschungsansatzes sein, stellt sich die Frage, ob er von hinreichend Respekt gegenüber dem kreativen Werkschaffen getragen ist.

Man könnte fast spekulieren, dass das Institut für Internet und Gesellschaft genau den Mechanismus für den Kreativ-Markt hervorforscht, der Google ebenso wie illegale Plattformen reich macht: Denn die Unternehmen bevorzugen es, mit urheberischen Werken so umzugehen, als seien es lediglich nicht geschützte Ideen aus der „Public Domain“. Für Google und die Plattformen wäre es praktisch, wenn die Kreativen ihre Werke mal eben dem von ihnen eigennützig monetarisierten „Gemeineigentum“ überschrieben, denn:

Digitalkommunismus für die Künstler ist das Potenzmittel für den Kapitalismus der IT-Wirtschaft.

Soziale Regulierung als Ersatz für Urheberrechtsschutz hat eine weitere Schattenseite, die Frau Hofmann trotz ihrer Warnung vor Romantisierung unerwähnt lässt: Am ehesten schützt sie den, der in der sozialen Sphäre agiert und Bekanntheit genießt. Viele Komponisten und Textdichter (Urheber) beispielsweise, die für berühmte Song-Interpreten schreiben, arbeiten im Hintergrund. Ohne Urheberrechtsschutz ihrer Werke wären sie nicht nur der Marktmacht großer Unternehmen, sondern schon der größeren sozialen Macht der bekannteren Interpreten ausgeliefert. Ein Interpret könnte sich einen noch unbekannten Song eines unbekannten Komponisten einfach zu seinem eigenen machen. Die Öffentlichkeit könnte dies wohl kaum beurteilen.

So sollte doch wohl kein modernes, freiheitliches Urheberrecht aussehen! 

Abschließend noch mal Frau Hofmann zum Thema TV-Formate:

Es gibt, so sagen die TV-Produzenten selbst, gemessen daran, dass es keinen urheberrechtlichen Schutz gibt, relativ wenig’ tatsächliche Gerichtsprozesse. Man einigt sich normalerweise irgendwie anders.

Da fragt man sich: Bleiben Gerichtsprozesse nicht naturgemäß aus, wenn es kein Schutzrecht gibt, auf das sich ein Kläger stützen könnte? Sicher gibt es Verträge, die auch ohne Schutzrecht justiziabel sind, aber da kluge Geschäftsleute keine Verträge aushandeln, die sie nicht einzuhalten bereit sind, liegt es auf der Hand, dass es wenige Klagen gibt. Die eigentliche Ausbeutung der Kreativschaft findet dort, wo fehlende Schutzrechte es ermöglichen, vorvertraglich oder eben einfach ganz ohne Vertrag statt. Auswirkungen der Ausbeutung – bis hin zur Resignation von Ideenhabern, ihre Ideen überhaupt zu schleifen und zu präsentieren – kann erahnen, wer sensibel ist. Eine Statistik über Gerichtsprozesse sagt darüber rein gar nichts aus.

Aber wie auch immer die Wahl der Methoden am Institut bedingt ist: Die trotz aller rhetorischen Einschränkungen hervor schimmernde Vision eines stärker selbstregulierten digitalen Kulturgütermarktes dürfte Netz-Hütern und -Nutzern erstmal genau so gut schmecken wie Kindern ein McDonald’s-Menü. Schneller und günstiger Konsum ist nun mal attraktiv. Aber so wie die Lebensmittelindustrie-Maxime „schnell und günstig“ schleichende Auswirkungen auf die Qualität der Nahrungsmittel hat, wird es auch Auswirkungen auf die Motivation, die schieren Lebenskräfte und damit auf die Qualität der Arbeiten von Urhebern haben, wenn man ihren Schutz allein dem Markt überlässt und ihre Werke im Netz nach den Gesetzen von Konzern-Profitmaximierung als digitales Fast Food frei verschleudert. Ob solche Zusammenhänge am Institut für Internet und Gesellschaft wohl beleuchtet werden? Zum Thema „Internet und Gesellschaft“ gehören sie jedenfalls zwingend.

Fest steht: Nicht nur Künstler, sondern auch Forscher geraten gegenwärtig in den Zugzwang neuer Finanzierungsmodelle.

AK

WAHRSAGER: SKLAVENHALTERPARTEI EILT BALD AMAZON.DE ZU HILFE

Schlimme Vorwürfe werden Amazon.de in der ARD-Reportage „Ausgeliefert!“ gemacht. Von einer Schattenwelt ist da die Rede. Offenbar werden Leiharbeiter über beauftragte Subunternehmen nach allen Regeln der Kunst ausgebeutet: Zu siebt in eine kleine Hütte gestopft und im Keller des Restaurants abgefüttert wie die Schweine; gruppenweise in kleine Bungalows zum Schlafen geschickt; überall von einer paramilitärischen Security gegängelt, deren Männer rechtsradikal anmutende Thor-Steinar-Pullis tragen; weit unter Tarif bezahlt; für Verspätungen der von Amazon.de selbst geheuerten Busse mit Lohnabzug bestraft; faktisch rechtelos und jederzeit ohne Angabe von Gründen wieder gekündigt; nach erbrachtem Nutzen wie Postpakete ins Heimatland zurückgeschickt.

Moderne Sklaverei scheint das zu sein, ermöglicht durch Leiharbeitsfirmen wie Trenkwalder, mit deren Hilfe Amazon.de arbeitsrechtliche Richtlinien unterläuft, um am Ende billiger als die Konkurrenz zu sein.

„Wie weit darf billig gehen?“ fragen die Autoren der Reportage. Unterdessen fragen sich manche Konsumenten im stillen Kämmerlein besorgt, ob etwa Produkte bald teurer werden, weil Amazon.de sich von dem moralischen Schreckensbild zu humaneren Praktiken genötigt fühlen könnte.

Wahrsager allerdings sehen, dass die Praktiken noch einige Zeit Bestand haben werden. Die Firma Trenkwalder gibt sich schließlich nicht umsonst den Slogan „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt!„. Das ist programmatisch. Magische sieben Jahre nach einem ominösen Ereignis in Schweden, das hier zur Unglücksvermeidung nicht benannt wird, müsste sich laut Orakel um Amazon.de herum aus der Infrastruktur von Trenkwalder eine politische Partei gründen, um den moralischen Schrecken zu verjagen und das attraktive Billig-Angebot samt seiner dreckigen Geschäftspraktiken gesellschaftlich zu rechtfertigen. Die Partei hat unmittelbar gute Chancen bei den Wählern, da viele von ihnen gern weiter billig und bequem bei Amazon.de bestellen und von den etablierten Parteien die Nase voll haben.

Die neue Partei wird dem Orakel zufolge den Anstrich einer ultramodern-verbraucherfreundlichen Freiheitspartei haben und zehn magische Kriterien erfüllen:

1)   Sie wird nach dem schlimmsten Vorwurf benannt sein, den Amazon.de ertragen muss. Also: Sklavenhalterpartei. „Sklavenhalter“ dient als Geusenwort. Es fängt die Verunglimpfung auf und bewirkt eine gesellschaftliche Neubewertung. Der Mythos: „Ihr nennt uns Sklavenhalter – wir nennen uns Sklavenhalter. Da habt ihr den Salat!“ Als Logo wird sie den orangefarbenen Amazon-Pfeil zum S-förmigen Messer umgestalten.

2)   Sie wird  alle positiven Einzelaspekte der Praktiken von Amazon.de zu dem Weltbild zusammenschustern, dass Leiharbeit grenzenlos human ist: Leiharbeit schafft goldene Arbeitsmöglichkeiten für Menschen, die Arbeit bitter nötig haben; Leiharbeit ist für ausländische Arbeiter wie ein kostenloser Sprachkurs; kein normaler Arbeiter schläft so fest und sicher, wie wenn er von H.E.S.S. Security gratis überwacht wird. (Die spanische Mutter von drei Kindern sagt in der Reportage ja auch, dass sie froh war, bei Amazon.de arbeiten zu dürfen.) Vor allem: Durch Leiharbeit werden die Arbeiter befreit von den Gängelungen fester Verträge und tariflicher Löhne. Freie Arbeit und freier Zugang zu humanen Ressourcen wird also das das höchste Ideal in diesem Weltbild sein.

3)   Sie wird darauf pochen, dass die Praktiken von Amazon.de in der digitalen Gesellschaft normal und daher zu akzeptieren sind. Leiharbeit nach dem Modell Trenkwalder ist schließlich Realität. Und die Amazon-Busse, mit denen Menschen wie Spielzeug zusammengehäuft und herumgeschoben werden, halten die Überbesetzung doch technisch einwandfrei aus. Was technisch möglich ist, muss man akzeptieren.

4)   Sie wird einen niedlichen Reim bemühen, der vor allem jungen Menschen zu einem zeitgemäßen Gefühl gegenüber Arbeitern verhilft: Leihen ist Weihen.

5)   Sie wird behaupten, dass Gehaltszahlungen überkommen sind und es Sache der Arbeiter ist, sich neue Entlohnungsmodelle auszudenken, da es nicht Aufgabe einer Partei sein kann, hier vorzugreifen.

6)   Sie wird für Gewerkschaften, Betriebsräte, Arbeitnehmerverbände, Arbeitsanwälte etc. einen zusammenfassenden Hassbegriff schaffen: Arbeitermafia.

7)   Sie wird betonen, dass es genug Menschen gibt, die gern arbeiten und denen man daher auch keinen wirklichen Schaden zufügt, wenn man sie unter Tarif bezahlt. (Menschen, die beim Arbeiten an Geld denken, sind gar keine echten Arbeiter, weil es ihnen ja ums Geld geht und nicht ums Arbeiten.)

8)   Sie wird Billig-Versandhäusern neoliberal alle Freiheiten ermöglichen. Gleichzeitig wird sie verrottetes kommunistisches Allgemeingut zur politischen Notsuppe heißkochen: Die Produkte, die Amazon.de verschickt, sind so wichtig, dass man es vor der Gesellschaft nicht verantworten kann, dafür fair bezahlte Arbeitskräfte einzusetzen.

9)   Sie wird dankbar alle wissenschaftlichen Studien zitieren, die der amerikanischen Milliardenkonzern Amazon im Rahmen seiner Lobby-Arbeit finanzieren wird. Die Studien werden belegen, dass Leiharbeit Menschen positiv ins Arbeitsleben integriert und sie nur Vorteile daraus ziehen. Leiharbeiter werden in der Regel durch Headhunter entdeckt und machen schneller Karriere. Vor allem werden Studien systematisch gegen das Arbeitsrecht ankämpfen und klarstellen, dass Menschen auch ohne Einhaltung rechtlicher Standards bereit sind, für ihr Überleben zu arbeiten und ihren Bossen ohne altmodische Rechte viel souveräner gehorchen.

10)  Sie wird intern in höchstem Maße intrigant und zerstritten sein, da der Hang ihrer Funktionäre zum Ausboten und Abzocken so groß sein wird, dass sie ihn auch aneinander ausleben werden. Sie werden erst freiwillig und unentgeltlich bis zum Anschlag arbeiten, um den Leiharbeitern ein gutes Vorbild zu sein. Dann werden sie sich entnervt gegenseitig Ausbeutung und Versklavung vorwerfen und reihenweise an Burnout erkranken. Irgendwann, wenn sie erste Landtage ergattert haben, werden sie fairere Entlohnung und Arbeitsbedingungen für sich selbst fordern und immer wieder sagen: Wir wollen das Arbeitsrecht nicht abschaffen, sondern nur reformieren. Das allerdings wird sie von anderen Parteien ununterscheidbar und zusammen mit unzähligen Skandalen so unglaubwürdig machen, dass sie nach einem kurzen Hype wieder von der politischen Bildfläche verschwinden werden. Ein paar positive Anstöße für ein modernes Arbeitsrecht werden die etablierten Parteien durch die Giftkur dennoch bekommen. Auch wird man nachdenken, wie weit billig mit Wertschätzung dessen vereinbar ist, was man erwirbt – vor allem mit der Wertschätzung der hinter Produkten und Leistungen stehenden Menschen.

AK

GRATISMENTALITÄT – 2013 WIEDER ERLAUBT?

Am 18.12.2012 drischt Sascha Lobo auf Kulturstaatsminister Bernd Neumann ein, weil der gern „Gratismentalität“ sagt: Der Begriff ist Unsinn und unterstellt dem Volk erwiesenermaßen zu Unrecht, Urheberrechte im Internet nur deshalb zu missachten, weil es für digitale Produkte nicht zahlen will. Nun gut. Aber gleichzeitig leugnet wohl niemand, dass ein an sich legitimes Interesse im Volk besteht, Produkte preisgünstig oder auch gratis zu bekommen. Gibt man bei Google „film download“, „musik download“, „buch download“ oder „software download“ ein, wird immer auch der Ergänzungsvorschlag „kostenlos“ gemacht. Lobos Verärgerung wird, vor dem eigentlichen Clou, auf jeden Fall etwas verständlicher, wenn man sieht, was er nicht so explizit erwähnt: Es muss das illegale Angebot ja erstmal mitsamt einer funktionierenden Zahlungs-Infrastruktur für Werbedienste geben. Dazu gehören Viele, nicht nur die Nutzer, die daher wirklich nicht alle Schuld am Piraterie-Problem tragen. Und: Google selbst – nicht Herr Neumann, wie Sascha Lobo polemisiert – ist „gratismental“. Der Suchmaschinenbetreiber kämpft beharrlich durch millionenschwere Unterstützung von Politik und Wissenschaft für die Beschneidung von Copyrights und Urheberrechten. Und wirbt selbst auf illegalen Portalen. Warum? Er und seine für ihn besonders attraktiven Gratis-Anbieter wollen selbst das meiste Geld am Vertrieb digitaler Inhalte verdienen und dabei möglichst wenig – gern auch gar nichts – an die Erschaffer der Inhalte abgeben. Die ach so geheiligten Nutzer sind nur Mittel zum Zweck im Milliardengeschäft. Inhalte ungeachtet der Interessen ihrer Hersteller gratis nehmen (oder geschickt durch Nutzer nehmen lassen) und durch Werbekunden teuer bezahlt möglichst ohne Beteiligung der Hersteller wiederum gratis einer größeren Zahl von Nutzern zugänglich machen ist die mal mehr, mal weniger direkt umgesetzte Maxime der Google- und Facebook-Familien ebenso wie der einschlägigen illegalen Anbieter.

Also sind es ein bisschen die Nutzer und ein bisschen die Netz-Dienste, die das Real-Gespenst der Gratis-Mentalität in ihre Mitte nehmen. Es im Bereich der unregulierten Verbreitung digitaler Inhalte völlig vom Nutzer weg reden zu wollen, ist in einer Welt, die an allen Ecken mit Billig- und Gratisangeboten wirbt, albern. Wer gern mit Worten bastelt, kann natürlich gern für „Mentalität“ einen besseren Ersatz finden. Aber das ist wohl eher Beiwerk.


Und jetzt kommt der Clou. Zum 01.01.2013 klärt uns Sascha Lobo darüber auf, „was man 2013 über das Internet wissen muss, um die Welt zu verstehen“. Er merkt vorsichtig an, dass Google zu groß und börsenorientiert ist, um „gut“ zu sein. Wichtigstes Thema des neuen Jahres sei aber Netzneutralität: „Zur größten Bedrohung für die Netzneutralität könnten in den kommenden Jahren nicht die Telekommunikationsunternehmen werden – sondern deren Kunden. Und zwar genau dann, wenn sie in Massen entscheiden, dass ein kostenloses Paket aus Facebook, YouTube, Chat und ein paar Dreingaben ausreicht.“ Der Hammer! Die armen Nutzer sind also Schuld daran, wenn Netzanbieter andere Nutzungsarten ausschließen und so die Netzneutralität mit Füßen treten? Wahnsinn. Da haben Piraten 2012 doch so sehr versucht, uns weis zu machen, dass die Gewohnheiten der Netz-Nutzer vorgeben, was legal, hoch moralisch, modern und schlichtweg einzig richtig ist. Sie und Lobo waren sich einig: Gratis-Mentalität ist nicht das Thema, und Nutzer gehören entlastet. Und jetzt das. Netz-Nutzer sind Mit(!)verursacher, dass das Netz nicht so werden könnte, wie es eigentlich sein sollte, und zwar ausgerechnet durch ihren Hang zum Gratis-Angebot! Schade, dass Lobo den falschen Begriff kurz vorher ausradiert hat, denn hier böte er sich wirklich an. Oder ist er 2013 wieder erlaubt? Anderenfalls wäre es seltsam, dass nur, wenn es um die Kreativbranche geht, die Argumentation, „das Problem möge doch bitteschön bei den ungezogenen Kunden liegen und damit nicht im eigenen Angebot“ von Lobo zum No Go erklärt wird, während im anderen Thema das Angebot die mechanische Abbildung des fragwürdigen Nutzerverhaltens darstellen soll.

Die unglaubliche Botschaft zusammengefasst: Im Bereich digitalisierter Kulturgüter geben bitteschön die Nutzer vor, wie das Netz zu funktionieren hat – koste es die Interessen der Kreativen zu Gunsten der Nutzer, wenn die Kreativbranche die Quadratur des Kreises nicht schafft: mit Gratis-Anbietern durch Bezahl-Angebote konkurrieren und dabei den Längeren ziehen. Beim Thema Netzneutralität sind die Nutzer eine Bedrohung für das Netz, wie es eigentlich zu funktionieren hat – koste es die  Solidarisierung der Netzhüter mit den Nutzern zu Gunsten von Wertvorstellungen, die über das Netz gestellt werden. Das heißt erstmal: Man versteht 2013 die Welt, wenn man sie nicht mehr versteht. Naja, wo sie schon nicht untergegangen ist, kann man das verschmerzen. Oder deutet sich hier ein gutes Vorzeichen an, dass man 2013 verstehen wird, dass das Netz inklusive all seiner Beteiligten verbindliche Wertvorstellungen und Regulierungen braucht, die sich nicht allein aus dem Netz selbst entwickeln?

AK

INTELLIGENZ BRAUCHT KEINEN POLSTERSTUHL

Sehr geehrter Christian Handke,

als Assistant Professor of Cultural Economics an der Erasmus University Rotterdam haben Sie Erstaunliches zum Urheberrecht herausgefunden und im Gespräch mit Hilmar Schmundt von Spiegel-Netzwelt kundgetan. Unter dem phänomenalen Titel „Kreativität braucht kein Copyright“ erfahren wir: Intuitiv denken viele Menschen, dass es ohne das heutige Urheberrecht keine Kreativität geben würde, aber für diesen Zusammenhang gibt es keine Belege. Ach was? Sonst gibt es doch für jeden Unsinn Belege. Hier ausnahmsweise nicht? Vielleicht liegt das daran, dass diese Belege entgegen Ihrer Unterstellung gar nicht gebraucht werden. Die Menschen, die ich kenne, denken jedenfalls, dass Kreativität im Menschen und nicht im Rechtssystem liegt. Das Urheberrecht verleiht dem Kreativen lediglich ein Recht an seinem geistigen Werk. Es ist Wirtschafts- und nicht Talentgrundlage. Wenn Sie aber richtig liegen, denken Viele wohl auch, dass es ohne Arbeitnehmerrecht weniger Arbeit gäbe. Halten wir sicherheitshalber fest: Es gäbe schlechtere Konditionen für die Arbeitenden, aber eher sogar mehr Arbeit. Sklavenarbeit eingeschlossen. Die Menschen müssten schließlich mehr und härter arbeiten, um den Verlust ihrer Schutzrechte auszugleichen. Ja, genau so sehen Ihre Schlüsse konsequenterweise aus: Kreative müssen, wie Sie andeuten, einfach nur schneller und mehr arbeiten, um sich ohne Urheberrecht des Kopierens zu erwehren. Genau genommen müssten sie wohl schneller Neues schaffen als die Datenbanken der Netz-Giganten Altes auswerten könnten, denn ohne Urheberrecht gehören kreative Werke dem, der sie hortet und nicht dem, der sie erschafft. Die müde Meute der professionellen Kreativschaffenden würde so richtig angeheizt, und somit hätte die Allgemeinheit keinen Verlust an Werk-Masse zu befürchten. Wow, wie innovativ und zugleich human Wissenschaft in ihrer emotionslosen Stringenz doch sein kann! Und wie gut, dass Sie Quantität zum alles bestimmenden Kriterium machen! Qualität – who shares? Wir brauchen mehr solche Erkenntnisse! Da Forschung ja aber Ihrer Einschätzung nach dauern kann, habe ich einen Vorschlag: Ziehen wir Ihnen doch den professoralen Stuhl samt all seiner Sie schützenden Rechte weg! Sie müssen dann einfach ein bisschen mehr, besser und schneller forschen. Das beflügelt Ihren Geist und dient der Allgemeinheit. Dann haben wir es bald geschafft. Sowieso: Die bei vielen Menschen vorherrschende intuitive Annahme, dass nur auf gepolsterten Stühlen intelligent gedacht wird, ist (hoffentlich!) falsch. Danke, dass Sie zum Denken angeregt haben. Und vorab schon mal vielen Dank für Ihren kommenden unermüdlichen Einsatz!

AK

Tweet-Foto verschwunden – Instagram (File-Unsharing)

„File sharing: you don’t mind when it’s some musician’s song or a designer’s game. When it’s your shitty Instagram photos it all changes, eh?“ Ein Foto dieses Tweets von kentonallen, der auf einen Gedanken von JamesWallis verweist, macht seit gestern die Runde im Netz. Unter anderem auf Facebook allerdings ist dieses Foto nun bei allen, die es gepostet hatten, von der Wall verschwunden. Weshalb? Darüber kann man natürlich nur spekulieren. Nur ganz eventuell klingelt da, dass Instagram eine Facebook-Tochter ist und enorm unter dem tobenden Shitstorm wegen der angekündigten neuen AGB gelitten hat. Da hatte Instagram doch glatt der Eindruck erweckt, Fotos privater Nutzer zukünftig weiterverkaufen und werblich nutzen lassen zu wollen. Ein Skandal, meinen die Nutzer! Und das ist ein herber Tiefschlag für Instagram, der das Unternehmen sofort zurückrudern ließ. Schadensbegrenzung. In solch gereizter Situation braucht es nicht noch Vergleiche mit illegalem Filesharing. Wie gut also, dass das Tweet-Foto wie von Zauberhand verschwunden ist. Es lohnt nun nicht, beim Facebook-Rivalen Twitter, wo natürlich alles noch vorhanden ist, nach dem Tweet zu suchen. Denn der darin gezogene Vergleich war ja sowieso, wie in vielen Blogs analysiert wird, falsch: Die Nutzer von Instagram wollten doch ganz bewusst, dass ihre Fotos von möglichst vielen Leuten unentgeltlich gesehen und geteilt werden. Sie wollten nur nicht, dass Andere (außer der charmanten wie vertrauenswürdigen Facebook-Tochter) mit ihren Fotos Geld verdienen. Professionelle Künstler wollen hingegen mehrheitlich nicht, dass ihr Material für lau geteilt wird. Das ist doch etwas ganz anderes! Hmm. Schon klar. Aber, ist da nicht doch noch was? Sowohl in der Instagram- als auch in der Filesharing-Debatte geht es um das Recht von Content-Erzeugern, selbst zu entscheiden, was mit ihrem Material passieren darf – und eben auch, was nicht passieren darf. Der Shitstorm gegen Instagram hat nichts anderes ausgedrückt, als dass es nicht okay ist, Dinge mit Dateien zu machen, die deren Erzeuger nicht wollen. Um nichts anderes geht es denen, die vom illegalen Filesharing negativ betroffen sind. Sie wollen auch nicht, dass jemand ungefragt Geld mit ihren Werken verdient und ihnen noch nicht mal etwas abgibt: Die Betreiber der Sharing-Portale verdienen sich oft dumm und dusselig, nur weil die schönen und attraktiven Inhalte kostenlos über ihre Infrastruktur laufen. Ist das tatsächlich etwas ganz anderes, nur weil für ausführlichere Gedanken in einem Tweet kein Platz ist?

File_Sharing

Alle, die sich über die angekündigten Änderungen der Instagram-AGB aufgeregt haben, aber mit freiem Filesharing kein Problem hatten, sollten mal darüber nachdenken, dass die meisten der illegal geteilten Inhalte um ein vielfaches aufwändiger und teurer hergestellt wurden als ein durchschnittliches, aber mit Liebe erstelltes Handy-Foto, das natürlich nicht „shitty“ ist! Vielleicht ist es dann ja doch nicht ganz unverständlich, dass Erzeuger von Musik, Filmen, Büchern und Software nicht wollen, dass ihre Arbeiten in einem „kostenlosen“ Markt landen, von dem Pirate Bay, Kim Schmitz und andere massiv und parasitär profitieren. Wer dann meint, dass die Erzeuger der teuren Inhalte ja aber doch selbst profitieren, weil ihre Werke durch freies Filesharing erst richtig bekannt werden und dann ja gemäß hoch-wissenschaftlicher Studien richtig Absatz auf veralteten Märkten bringen, sollte sich bei Instagram entschuldigen, die neuen AGB in ihrer Ursprungsfassung akzeptieren und sich sagen: Wenn die Fotos ungefragt auf Werbeplakaten und sonstwo landen, wird man richtig bekannt. Man wollte doch den exhibitionistischen Hype. Sonst hätte man sie doch gar nicht erst bei Instagram hochgeladen. Man weiß doch, was passiert, wenn man etwas ins Netz stellt. Das Netz funktioniert nun mal so, dass sich die Dinge eigendynamisch weiterentwickeln. Es ist technisch möglich, also wird es gemacht. Und man selbst verdient nicht weniger, nur weil andere mit den Fotos hinzuverdienen. Die Fotos sind außerdem nicht „weg“, nur weil sie zusätzlich auf Plakaten zu sehen sind. Weg ist nur das Tweet-Foto. Wozu die Aufregung?


AK

27.12.2012 PS: „Wozu die Aufregung?“ – Das müsste man dann auch der Schwester von Facebook-Chef Mark Zuckerberg entgegenrufen. Die Psychologin regt sich nämlich mächtig auf. Ein Foto, das sie auf Facebook mit ihren Freunden geteilt hatte, war plötzlich im Twitter-Profil der Marketing-Managerin Callie Schweitzer aufgetaucht. Randi Zuckerberg findet es lt. Spiegel-Netzwelt aber generell nicht in Ordnung, ein Bild öffentlich zu machen, ohne den Urheber vorher um Erlaubnis zu fragen. „Sehr uncool“ fände sie es, das Bild einfach zu kopieren. Frau Zuckerberg, „sharing is caring!“ – hören Sie auf, von menschlichem Anstand zu faseln. Wir leben im digitalen Zeitalter!

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