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weiter denken…

WAHRSAGER: SKLAVENHALTERPARTEI EILT BALD AMAZON.DE ZU HILFE

Schlimme Vorwürfe werden Amazon.de in der ARD-Reportage „Ausgeliefert!“ gemacht. Von einer Schattenwelt ist da die Rede. Offenbar werden Leiharbeiter über beauftragte Subunternehmen nach allen Regeln der Kunst ausgebeutet: Zu siebt in eine kleine Hütte gestopft und im Keller des Restaurants abgefüttert wie die Schweine; gruppenweise in kleine Bungalows zum Schlafen geschickt; überall von einer paramilitärischen Security gegängelt, deren Männer rechtsradikal anmutende Thor-Steinar-Pullis tragen; weit unter Tarif bezahlt; für Verspätungen der von Amazon.de selbst geheuerten Busse mit Lohnabzug bestraft; faktisch rechtelos und jederzeit ohne Angabe von Gründen wieder gekündigt; nach erbrachtem Nutzen wie Postpakete ins Heimatland zurückgeschickt.

Moderne Sklaverei scheint das zu sein, ermöglicht durch Leiharbeitsfirmen wie Trenkwalder, mit deren Hilfe Amazon.de arbeitsrechtliche Richtlinien unterläuft, um am Ende billiger als die Konkurrenz zu sein.

„Wie weit darf billig gehen?“ fragen die Autoren der Reportage. Unterdessen fragen sich manche Konsumenten im stillen Kämmerlein besorgt, ob etwa Produkte bald teurer werden, weil Amazon.de sich von dem moralischen Schreckensbild zu humaneren Praktiken genötigt fühlen könnte.

Wahrsager allerdings sehen, dass die Praktiken noch einige Zeit Bestand haben werden. Die Firma Trenkwalder gibt sich schließlich nicht umsonst den Slogan „Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt!„. Das ist programmatisch. Magische sieben Jahre nach einem ominösen Ereignis in Schweden, das hier zur Unglücksvermeidung nicht benannt wird, müsste sich laut Orakel um Amazon.de herum aus der Infrastruktur von Trenkwalder eine politische Partei gründen, um den moralischen Schrecken zu verjagen und das attraktive Billig-Angebot samt seiner dreckigen Geschäftspraktiken gesellschaftlich zu rechtfertigen. Die Partei hat unmittelbar gute Chancen bei den Wählern, da viele von ihnen gern weiter billig und bequem bei Amazon.de bestellen und von den etablierten Parteien die Nase voll haben.

Die neue Partei wird dem Orakel zufolge den Anstrich einer ultramodern-verbraucherfreundlichen Freiheitspartei haben und zehn magische Kriterien erfüllen:

1)   Sie wird nach dem schlimmsten Vorwurf benannt sein, den Amazon.de ertragen muss. Also: Sklavenhalterpartei. „Sklavenhalter“ dient als Geusenwort. Es fängt die Verunglimpfung auf und bewirkt eine gesellschaftliche Neubewertung. Der Mythos: „Ihr nennt uns Sklavenhalter – wir nennen uns Sklavenhalter. Da habt ihr den Salat!“ Als Logo wird sie den orangefarbenen Amazon-Pfeil zum S-förmigen Messer umgestalten.

2)   Sie wird  alle positiven Einzelaspekte der Praktiken von Amazon.de zu dem Weltbild zusammenschustern, dass Leiharbeit grenzenlos human ist: Leiharbeit schafft goldene Arbeitsmöglichkeiten für Menschen, die Arbeit bitter nötig haben; Leiharbeit ist für ausländische Arbeiter wie ein kostenloser Sprachkurs; kein normaler Arbeiter schläft so fest und sicher, wie wenn er von H.E.S.S. Security gratis überwacht wird. (Die spanische Mutter von drei Kindern sagt in der Reportage ja auch, dass sie froh war, bei Amazon.de arbeiten zu dürfen.) Vor allem: Durch Leiharbeit werden die Arbeiter befreit von den Gängelungen fester Verträge und tariflicher Löhne. Freie Arbeit und freier Zugang zu humanen Ressourcen wird also das das höchste Ideal in diesem Weltbild sein.

3)   Sie wird darauf pochen, dass die Praktiken von Amazon.de in der digitalen Gesellschaft normal und daher zu akzeptieren sind. Leiharbeit nach dem Modell Trenkwalder ist schließlich Realität. Und die Amazon-Busse, mit denen Menschen wie Spielzeug zusammengehäuft und herumgeschoben werden, halten die Überbesetzung doch technisch einwandfrei aus. Was technisch möglich ist, muss man akzeptieren.

4)   Sie wird einen niedlichen Reim bemühen, der vor allem jungen Menschen zu einem zeitgemäßen Gefühl gegenüber Arbeitern verhilft: Leihen ist Weihen.

5)   Sie wird behaupten, dass Gehaltszahlungen überkommen sind und es Sache der Arbeiter ist, sich neue Entlohnungsmodelle auszudenken, da es nicht Aufgabe einer Partei sein kann, hier vorzugreifen.

6)   Sie wird für Gewerkschaften, Betriebsräte, Arbeitnehmerverbände, Arbeitsanwälte etc. einen zusammenfassenden Hassbegriff schaffen: Arbeitermafia.

7)   Sie wird betonen, dass es genug Menschen gibt, die gern arbeiten und denen man daher auch keinen wirklichen Schaden zufügt, wenn man sie unter Tarif bezahlt. (Menschen, die beim Arbeiten an Geld denken, sind gar keine echten Arbeiter, weil es ihnen ja ums Geld geht und nicht ums Arbeiten.)

8)   Sie wird Billig-Versandhäusern neoliberal alle Freiheiten ermöglichen. Gleichzeitig wird sie verrottetes kommunistisches Allgemeingut zur politischen Notsuppe heißkochen: Die Produkte, die Amazon.de verschickt, sind so wichtig, dass man es vor der Gesellschaft nicht verantworten kann, dafür fair bezahlte Arbeitskräfte einzusetzen.

9)   Sie wird dankbar alle wissenschaftlichen Studien zitieren, die der amerikanischen Milliardenkonzern Amazon im Rahmen seiner Lobby-Arbeit finanzieren wird. Die Studien werden belegen, dass Leiharbeit Menschen positiv ins Arbeitsleben integriert und sie nur Vorteile daraus ziehen. Leiharbeiter werden in der Regel durch Headhunter entdeckt und machen schneller Karriere. Vor allem werden Studien systematisch gegen das Arbeitsrecht ankämpfen und klarstellen, dass Menschen auch ohne Einhaltung rechtlicher Standards bereit sind, für ihr Überleben zu arbeiten und ihren Bossen ohne altmodische Rechte viel souveräner gehorchen.

10)  Sie wird intern in höchstem Maße intrigant und zerstritten sein, da der Hang ihrer Funktionäre zum Ausboten und Abzocken so groß sein wird, dass sie ihn auch aneinander ausleben werden. Sie werden erst freiwillig und unentgeltlich bis zum Anschlag arbeiten, um den Leiharbeitern ein gutes Vorbild zu sein. Dann werden sie sich entnervt gegenseitig Ausbeutung und Versklavung vorwerfen und reihenweise an Burnout erkranken. Irgendwann, wenn sie erste Landtage ergattert haben, werden sie fairere Entlohnung und Arbeitsbedingungen für sich selbst fordern und immer wieder sagen: Wir wollen das Arbeitsrecht nicht abschaffen, sondern nur reformieren. Das allerdings wird sie von anderen Parteien ununterscheidbar und zusammen mit unzähligen Skandalen so unglaubwürdig machen, dass sie nach einem kurzen Hype wieder von der politischen Bildfläche verschwinden werden. Ein paar positive Anstöße für ein modernes Arbeitsrecht werden die etablierten Parteien durch die Giftkur dennoch bekommen. Auch wird man nachdenken, wie weit billig mit Wertschätzung dessen vereinbar ist, was man erwirbt – vor allem mit der Wertschätzung der hinter Produkten und Leistungen stehenden Menschen.

AK

ANNETTE SCHAVAN versus MASHPUSSY

Wir sind die ProsumentInnen. Wenn wir remixen, schreiben wir die Geschichten von Liedern, Romanen und Filmen weiter. Die Kopie ist unser Herzschlag. Sie ist der Puls des Netzes, wir können gar nicht anders als die ganze Zeit kopieren. Die Kopie ist der Reproduktionsprozess unserer Remix-Kultur, die Zellteilung, auf der jeglicher Informationsfluss beruht.

Das ist das Credo von Mashpussy, die in ihren fünf Pussyrants ausdrückt, was auch die untergehende Piratenpartei im Namen der Netzgemeinde predigt: Ein Grundrecht auf Remix, das Recht auf freies Sharen von digitalisierten Werken und eine Beschränkung der Kontrolle, die Urheber über ihre Werke ausüben können.

Aber ist der Wunsch neu? Zu treffend für bloße Satire berichtet EINE ZEITUNG, dass die Mehrheit der Internetgemeinde die auf ihrem Doktortitel ausgerutschte Annette Schavan im Bildungsministeramt lassen will, „weil sie schon 1980 copy & paste mit Schreibmaschine beherrschte“. Schavan hat, so betrachtet, ebenso wie Karl-Theodor zu Guttenberg einfach Paste-Kultur gelebt und Bestehendes ohne lästiges Zitieren „weiter geschrieben“. Ihre Doktorarbeit ist ein Mashup und sie ihrer Zeit weit voraus. Karl-Theodor zu Guttenberg hatte die Zeichen der Zeit mindestens findig erkannt und das Pasten mit moderneren Mitteln auch etwas umfangreicher betrieben.

Leider hält Mashpussy seit einiger Zeit den Rant. Fragen wir also die Piratenpartei zum Fall Schavan. Die sagt:

Eine Person, die in ihrer Dissertation geistige Leistungen anderer als ihre eigenen ausgegeben hat, ist nicht dazu geeignet, das Amt der Bildungsministerin glaubwürdig auszufüllen.

Seltsam. Das klingt irgendwie gar nicht piratig-mashig-netzgepulst. Bruno Kramm, der Mashmacker und Urheberrechtschefclown der Piratenpartei, bläst dasselbe dröge Horn:

Piraten fördern die freie Kopierbarkeit und das Verarbeiten fremder Werke ohne urheberrechtliche Barrieren. Dabei spielt für uns die Verbundenheit und Ehrlichkeit gegenüber den Autoren die wir zitieren, ein große Rolle. Plagiateure wie Anette Schavan demonstrieren eine verlogene Doppelmoral.

Ach was? Verbundenheit und Ehrlichkeit? Das sind nicht gerade die Gründungswerte der Piratenpartei. Auch die „geistigen Leistungen anderer“ standen nie als schützenswert im Zentrum. Wo immer im Jahr 2012 Kreative auf Würdigung und Abgrenzung ihrer geistigen Leistung bestanden, hörten sie von Piraten Dinge wie: Ihr macht doch gar nichts Besonderes, sondern krempelt nur das euch nicht gehörende Kulturgut ein bisschen um; das können im Zweifelsfall sogar Computer; es ist nicht hinreichend um daraus irgendwelche Vorrechte abzuleiten. „Geistiges Eigentum“, an das man bei den aktuellen Statements schon denken kann, lehnte die Piratenpartei ab und folgte lieber mit Mashpussy dem Leitbild der Wissensallmende mit fröhlich-frivol-kostenneutralem Gemeineigentum am Werkschaffen des (hoch geschätzten und natürlich nicht ausgebeuteten!) Einzelnen.

Da ist es doch erstaunlich, dass Annette Schavan von den selbsternannten Ideenkopierern nun nicht geschont, sondern angegriffen wird: Sie habe sich fremde Inhalte zu eigen gemacht. Das wirft ein neues Piratenlicht auf File-Sharer und Betreiber kommerzieller Hosting-Plattformen, die sich ebenfalls Werke Anderer zu eigen machen, indem sie sie benutzen, um sich gegenseitig Konsumvorteile oder Profite zuzuschustern, die komplett an den Erschaffern der „geteilten“ Inhalte vorbei gehen.

Ja, hier musste ein bisschen Platz für einen Piratenaufschrei gelassen werden. Es ist doch klar, dass die Fälle nicht in jeder Hinsicht vergleichbar sind. Ungehinderten Datentausch und korretes Zitieren kann man durchaus gleichzeitig fordern. Wenn man aber den größeren Kontext beachtet, erklärt sich das schale Gefühl, das die Piraten mit ihren aktuellen Statements hinterlassen: Solange es um das korrekte Zitieren in der Wissenschaft geht, sind strenge Regeln zur Abgrenzung geistiger Eigenleistungen von dem untergeordneten Informations-Kollektiv genehm. Sobald im Bereich der wirtschaftlich ausgerichteten Kulturgüterproduktion Vergütungsregeln (Verwertungsvorgänge) ins Spiel kommen, wird aber das Informations-Kollektiv als übergeordnet herangezogen, um die Eigenleistung zu schmälern. Auf Deutsch: Geistiges Eigentum ist so lange okay, wie es nichts kostet und keine Zugangsbeschränkungen bedingen kann. Das ist dann wohl der Kern der Piraten-Regel, dass seine gewissenhafte Nennung das einzige verbindliche Recht eines Urhebers sein sollte. Denn ein wahrhaft ideeller Urheber möchte doch niemals Geld mit seiner Leistung verdienen. Er ist stolz, rezipiert und zitiert zu werden. Gestützt wird die Regel, und das macht Fälle wie den Schavans hochschulintern pikant, von einigen Hochschullehrern mit einer gewissen Genugtuung, weil sie es mangels Wirtschaftlichkeit ihrer eigenen Werke gewohnt sind, nur fürs Gelesen- und Zitiertwerden in kleinen Fachkreisen zu schreiben. Sie haben mit der Minimalisierung des Urheberrechts durch Streichung von Urheberansprüchen aufgrund von Nutzungsvorgängen nichts zu verlieren. Eher gewinnen sie gegenwärtig durch den modern-piratigen Anstrich ein bisschen an Coolness und Publicity und nebenbei mehr Freiheit, fremde Werke für ihre Netz-Präsentationen zu verwenden. Jedenfalls liegt einigen die Forderung, dass doch bitte alle Kreativschaffenden dieses unwirtschaftliche Minimalprinzip leben sollten, auch wenn ihre Werke für deren Verwerter wirtschaftlich hoch einträglich sind, alles andere als fern.

Wenn man spasseshalber mal akzeptiert, dass die Nennung alles ist, was ein Urheber an verbindlicher (also auch einzufordernder) Wertschätzung seiner Arbeit erwarten darf, stimmt auch Bruno Kramms Satz: „Die PIRATEN vertreten ein positives, schöpferisches Menschenbild. Wir schätzen die Meinungen, das Wissen und die Schöpfungen anderer.“ Jeder schätzt die Schöpfungen Anderer eben auf seine Weise: Es ist Ausdruck höchster Wertschätzung, wenn Konsumenten Werke auf Tauschbörsen in Umlauf bringen. „Sharing is Caring“. Kim Dotcom hilft der Menschheit, all die großartigen Werke kostenlos tauschen und konsumieren zu können. (Bloß finden sich auf seinen Plattformen seltsamerweise so gut wie keine wissenschaftlichen Werke, sondern nur solche mit kommerziellem Potenzial. Warum eigentlich???) Das ist Ausdruck seiner Wertschätzung und kulturellen Ader. Die Piratenpartei setzt sich für das freie nonkommerzielle Privatkopieren ein, weil sie Kultur so sehr schätzt, dass an ihre Verbreitung keine Bedingungen geknüpft werden dürfen. Und wenn kommerzielle Plattformen an diesen nonkommerziellen Kopiervorgängen reich werden, ohne Urheber zu beteiligen, ist das der Piratenpartei herzlich egal.

Ja, im piratösen Nebel gibt es für jeden Nutznießer des schiefen Freiheitsverständnisses eine heiligende Schwurbelei. Für Kreative gibt es immerhin eine Beschwichtigungsformel: Wenn sie wirklich Künstler sind, kommt es ihnen auf Profit gar nicht an. Piratiges Auftreten macht also nicht nur Wissenschaftler, sondern auch sie cool und hilft ihnen im Fall von Zweifelhaftigkeit, zu beweisen, dass sie echte Künstler sind, von denen nur böse Zungen behaupten, es ginge ihnen um Geld. Einigen nützt das.

Nur für Annette Schavan gibt es aktuell nichts Nettes. Seltsam. Es könnte doch Ausdruck ihrer höchsten Wertschätzung gegenüber den benutzten Textstellen sein, dass sie die Gedanken weiterentwickelt hat. Zu viel korrektes Belegen hätte sie in ihrer Schreib-Freiheit behindert. Vielleicht wäre das Werk dann insgesamt viel schwächer geworden, oder sie hätte es neben der politischen Arbeit – wie auch Karl-Theodor zu Guttenberg – gar nicht fertig stellen können. Sie hat auch nichts gestohlen, denn die Textstellen sind im Original noch da. Da wurde bestimmt nichts aus Unikaten ausgeschnibbelt! Plagiieren ist technisch heute im Übrigen ganz einfach möglich und wirklich sehr, sehr verbreitet. Wir werden es nie völlig verhindern können. Müssen wir uns dieser Realität nicht einfach stellen anstatt mit Sanktionen dagegen vorzugehen? Sollte, falls wir Doktortitel überhaupt noch brauchen, nicht sowieso lieber das mildtätig-neutrale Unternehmen Google anstelle von korrupten Universitäten entscheiden, wer einen solchen Titel verdient hat? Google ist jedenfalls schneller im Aufdecken von kopierten Passagen als ein durchschnittlicher Professor.

Nein, im Fall Schavan endet für die Untergangspiraten dann doch strikt die Freiheit im Umgang mit fremden Inhalten. Damit schlägt allerdings auch das Rechtfertigungs-Rettungsschiff der Piraten Leck, nämlich weil deutlich wird, wie sehr verbindliche Regeln im Umgang mit geistigem Gut als Teil einer nicht nur oberflächlichen Freiheit gebraucht werden. In der Wissenschaft wird das von den Fürsprechern der „freien Kultur“ so sehr gepriesene „freie Schreiben“ und ungehinderte Remixen durch das Gebot der Zitation deutlich erschwert. Das ist für die Schreiber aufwändig und lästig, sichert aber langfristig Qualität. Auf dem Kulturgütermarkt wird das „freie Verbreiten“ durch das Gebot der Vergütung und Einwilligung zur Bearbeitung erschwert. Das ist auch aufwändig und lästig, sichert aber langfristig ein Stück Qualität von Werken und die Teilhabe der Erschaffer am wirtschaftlichen Vorteil der Werkverbreitung. Es hilft ihnen, in ihre künstlerische Zukunft und neue aufwändige Werke zu investieren. Die Metapher „geistiges Eigentum“ greift in beiden Bereichen.

Vielleicht macht der Fall Schavan deutlich, dass Mashpussy – repräsentativ für viele Netzapologeten – die Sache etwas einseitig sieht:

Das Urheberrecht zwingt KünstlerInnen in einen Wettbewerb um Originalität. Jeder gegen jeden. Urheber gegen Urheber. Eifersüchtig bewachen sie ihre geistigen Schöpfungen und beäugen argwöhnisch jeden Mitstreiter als potentiellen Dieb und Spion, der es nur auf ihr sogenanntes geistiges Eigentum abgesehen hat. Als Einzelkämpfer haben sie es nie gelernt, ihre Ideen und Werke zu teilen und in einen gemeinsamen Pool an Kreativität zu geben. Dadurch delegitimiert das Urheberrecht die Vorstellung einer Wissensallmende und verkrüppelt soziale Verbindungen.

Wie könnte man ernsthaft solchen Wettbewerb in der Wissenschaft als fördernd gut finden, in der Kunst und Kulturgüterproduktion aber als Bremse ablehnen? Dass kurzsichtige und Individualrechte mit Füßen tretende Gedankenkonstrukte, die diesen Widerspruch tolerieren, aus der Politik verschwinden, ist jedenfalls aktuell wichtiger als die legitime nachträgliche Überprüfung von Doktorarbeiten. Und es ist durchaus seltsam, dass die Überprüfung von Doktorarbeiten ausgerechnet in einer Zeit in Mode kommt, in der mehr denn je über Mashup und die demokratisch-freiheitlichen Aspekte des freien Verwurstens fremder Inhalte philosophiert wird.

AK

PS: Vielleicht haben die Gutachter auch einfach den unermesslichen kulturellen Wert der Arbeit Schavans verkannt. Denn „Kultur ist Kopie und Kopie ist Kultur“, wie bln.fm über Dirk von Gehlens Streitschrift „Mashup. Lob der Kopie“ schreibt. Die Schrift will der Besprechung zufolge mit „begrifflichen Unklarheiten wie dem ‚geistigen Eigentum‘ oder der unsäglichen Kampfparole ‚Raubkopie'“ aufzuräumen. Der Fall Schavan erscheint in einem völlig neuen Licht, denn: „… unsere binär kodierten Begriffe vom famosen Original und dessen schäbiger Kopie sind lediglich Zuschreibenden und damit soziale Konstruktionen.“ Eigentlich unverständlich, dass von Gehlen in der selben Besprechung gesagt wird, er müsse aufpassen, nicht alle Konzepte in einen Topf zu schmeißen und diese zu einem postmodernen Mischmasch zu verrühren. Genau dieses Mischmasch braucht man doch, um sämtliche Fragen von Urheberschaft und Kopie zu egalisieren und die moderne Welt zu ermöglichen, die von Frau Schavan einfach ein bisschen früher erahnt wurde.

KIM DOTCOM, JETZT GEMA IN DICH! AUCH YOUTUBE IST CLEVER!

Lieber Kim Dotcom,

ich verstehe ja, dass du einen MEGA-Hals hast. Da hast du alles so perfekt arrangiert und genau ein Jahr nach dem fiesen FBI-Überfall auf dich und deine altruistische Weltverbesserungsfirma Megaupload dein Comeback inszeniert. Jeder musste vor Rührung heulen. So wie du jedes mal heulst, wenn du Titanic siehst. Vor allem, wenn du so schöne Sachen gesagt hast wie:

MegaKim

Umgeben von deinen Armee-Mädels hatte das richtig Pathos. Ganz großes Kino! Natürlich hast du ein Video davon auf Youtube geshared, denn du bist ja einfach viel großzügiger als die abgezockten Titanic-Produzenten, die das nie machen würden mit ihrem Billig-Scheiß. Aber dann irgend so was hier:

YTGEMAn

Wie sehr dir das weh getan haben muss, armer Kim! Dein Video mit deiner Musik – gesperrt in deinem Geburtsland. Und das nur, weil es technisch möglich ist, obwohl es nicht moralisch ist! Und dann noch von der Scheiß-Copyright-Missbrauchs-Klitsche Gema. Und das nach all deinen Qualen im letzten Jahr. Ja, du hast Recht, das ist unglaublich:

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Wenn man so hintergangen wird, hat man wirklich allen Grund, seine Rechtsabteilung zu konsultieren und eine böse Abmahnung zu schicken:

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Nur, Kim, jetzt gema in dich! THE TRUTH WILL COME OUT, wie du ja fest glaubst. In diesem Fall müsstest du die Wahrheit doch eigentlich in dir selbst finden. Glaubst du wirklich, dass die Gema einfach mal auf Verdacht irgendwelche Videos sperren lässt? Könnte es nicht so sein, dass Youtube diese Sperrungen nach Lust und Laune durchführt, um der Gema ans Bein zu pissen anstatt für Musiknutzung zu zahlen? Das müsstest du doch eigentlich verstehen, Kim. Du pisst doch auch allen ans Bein, die meinen, dass du dich schmarotzerhaft mit Geldern vollstopfst, die es ohne die vielen Filme, Bücher und Musiktitel, die du – weil es technisch möglich ist – an deinen Angelhaken hängst, nie geben würde. Kapiert? Ok, vielleicht willst du Youtube nicht böse sein, weil ihr zu ähnlich seid. Jedenfalls ist doch nichts passiert. Es hat im Internetkrieg leider einfach mal für ein paar Stunden dich als Bauernopfer getroffen. Das ist vielleicht eine neue Rolle für dich. Aber: Mensch Kim, da stehst du doch drüber!

Du musst dich jetzt auch nicht gleich schämen, weil du das Internet doch nicht verstanden hast. Fast Jeder hier im Land denkt, dass die Gema Videos sperren lässt. Sogar die hochkompetente Online-Presse. Erstaunlich, was für eine Massenverblödung die blöde kleine Flimmerkastenfresse angerichtet hat! Es mag dir nicht passen: Du bist nicht allein, Verschlüsselungs-Kim! Auch Youtube ist clever!

Vielleicht hilft es dir, dich mit einem kleinen Spiel abzuregen: Tausch doch mal mit deinen Buddies ein bisschen die Bälle:

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AK

PIRATEN AUS NIEDERSACHSEN, WOLLT IHR NOCH WAS SAGEN?

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GRATISMENTALITÄT – 2013 WIEDER ERLAUBT?

Am 18.12.2012 drischt Sascha Lobo auf Kulturstaatsminister Bernd Neumann ein, weil der gern „Gratismentalität“ sagt: Der Begriff ist Unsinn und unterstellt dem Volk erwiesenermaßen zu Unrecht, Urheberrechte im Internet nur deshalb zu missachten, weil es für digitale Produkte nicht zahlen will. Nun gut. Aber gleichzeitig leugnet wohl niemand, dass ein an sich legitimes Interesse im Volk besteht, Produkte preisgünstig oder auch gratis zu bekommen. Gibt man bei Google „film download“, „musik download“, „buch download“ oder „software download“ ein, wird immer auch der Ergänzungsvorschlag „kostenlos“ gemacht. Lobos Verärgerung wird, vor dem eigentlichen Clou, auf jeden Fall etwas verständlicher, wenn man sieht, was er nicht so explizit erwähnt: Es muss das illegale Angebot ja erstmal mitsamt einer funktionierenden Zahlungs-Infrastruktur für Werbedienste geben. Dazu gehören Viele, nicht nur die Nutzer, die daher wirklich nicht alle Schuld am Piraterie-Problem tragen. Und: Google selbst – nicht Herr Neumann, wie Sascha Lobo polemisiert – ist „gratismental“. Der Suchmaschinenbetreiber kämpft beharrlich durch millionenschwere Unterstützung von Politik und Wissenschaft für die Beschneidung von Copyrights und Urheberrechten. Und wirbt selbst auf illegalen Portalen. Warum? Er und seine für ihn besonders attraktiven Gratis-Anbieter wollen selbst das meiste Geld am Vertrieb digitaler Inhalte verdienen und dabei möglichst wenig – gern auch gar nichts – an die Erschaffer der Inhalte abgeben. Die ach so geheiligten Nutzer sind nur Mittel zum Zweck im Milliardengeschäft. Inhalte ungeachtet der Interessen ihrer Hersteller gratis nehmen (oder geschickt durch Nutzer nehmen lassen) und durch Werbekunden teuer bezahlt möglichst ohne Beteiligung der Hersteller wiederum gratis einer größeren Zahl von Nutzern zugänglich machen ist die mal mehr, mal weniger direkt umgesetzte Maxime der Google- und Facebook-Familien ebenso wie der einschlägigen illegalen Anbieter.

Also sind es ein bisschen die Nutzer und ein bisschen die Netz-Dienste, die das Real-Gespenst der Gratis-Mentalität in ihre Mitte nehmen. Es im Bereich der unregulierten Verbreitung digitaler Inhalte völlig vom Nutzer weg reden zu wollen, ist in einer Welt, die an allen Ecken mit Billig- und Gratisangeboten wirbt, albern. Wer gern mit Worten bastelt, kann natürlich gern für „Mentalität“ einen besseren Ersatz finden. Aber das ist wohl eher Beiwerk.


Und jetzt kommt der Clou. Zum 01.01.2013 klärt uns Sascha Lobo darüber auf, „was man 2013 über das Internet wissen muss, um die Welt zu verstehen“. Er merkt vorsichtig an, dass Google zu groß und börsenorientiert ist, um „gut“ zu sein. Wichtigstes Thema des neuen Jahres sei aber Netzneutralität: „Zur größten Bedrohung für die Netzneutralität könnten in den kommenden Jahren nicht die Telekommunikationsunternehmen werden – sondern deren Kunden. Und zwar genau dann, wenn sie in Massen entscheiden, dass ein kostenloses Paket aus Facebook, YouTube, Chat und ein paar Dreingaben ausreicht.“ Der Hammer! Die armen Nutzer sind also Schuld daran, wenn Netzanbieter andere Nutzungsarten ausschließen und so die Netzneutralität mit Füßen treten? Wahnsinn. Da haben Piraten 2012 doch so sehr versucht, uns weis zu machen, dass die Gewohnheiten der Netz-Nutzer vorgeben, was legal, hoch moralisch, modern und schlichtweg einzig richtig ist. Sie und Lobo waren sich einig: Gratis-Mentalität ist nicht das Thema, und Nutzer gehören entlastet. Und jetzt das. Netz-Nutzer sind Mit(!)verursacher, dass das Netz nicht so werden könnte, wie es eigentlich sein sollte, und zwar ausgerechnet durch ihren Hang zum Gratis-Angebot! Schade, dass Lobo den falschen Begriff kurz vorher ausradiert hat, denn hier böte er sich wirklich an. Oder ist er 2013 wieder erlaubt? Anderenfalls wäre es seltsam, dass nur, wenn es um die Kreativbranche geht, die Argumentation, „das Problem möge doch bitteschön bei den ungezogenen Kunden liegen und damit nicht im eigenen Angebot“ von Lobo zum No Go erklärt wird, während im anderen Thema das Angebot die mechanische Abbildung des fragwürdigen Nutzerverhaltens darstellen soll.

Die unglaubliche Botschaft zusammengefasst: Im Bereich digitalisierter Kulturgüter geben bitteschön die Nutzer vor, wie das Netz zu funktionieren hat – koste es die Interessen der Kreativen zu Gunsten der Nutzer, wenn die Kreativbranche die Quadratur des Kreises nicht schafft: mit Gratis-Anbietern durch Bezahl-Angebote konkurrieren und dabei den Längeren ziehen. Beim Thema Netzneutralität sind die Nutzer eine Bedrohung für das Netz, wie es eigentlich zu funktionieren hat – koste es die  Solidarisierung der Netzhüter mit den Nutzern zu Gunsten von Wertvorstellungen, die über das Netz gestellt werden. Das heißt erstmal: Man versteht 2013 die Welt, wenn man sie nicht mehr versteht. Naja, wo sie schon nicht untergegangen ist, kann man das verschmerzen. Oder deutet sich hier ein gutes Vorzeichen an, dass man 2013 verstehen wird, dass das Netz inklusive all seiner Beteiligten verbindliche Wertvorstellungen und Regulierungen braucht, die sich nicht allein aus dem Netz selbst entwickeln?

AK

INTELLIGENZ BRAUCHT KEINEN POLSTERSTUHL

Sehr geehrter Christian Handke,

als Assistant Professor of Cultural Economics an der Erasmus University Rotterdam haben Sie Erstaunliches zum Urheberrecht herausgefunden und im Gespräch mit Hilmar Schmundt von Spiegel-Netzwelt kundgetan. Unter dem phänomenalen Titel „Kreativität braucht kein Copyright“ erfahren wir: Intuitiv denken viele Menschen, dass es ohne das heutige Urheberrecht keine Kreativität geben würde, aber für diesen Zusammenhang gibt es keine Belege. Ach was? Sonst gibt es doch für jeden Unsinn Belege. Hier ausnahmsweise nicht? Vielleicht liegt das daran, dass diese Belege entgegen Ihrer Unterstellung gar nicht gebraucht werden. Die Menschen, die ich kenne, denken jedenfalls, dass Kreativität im Menschen und nicht im Rechtssystem liegt. Das Urheberrecht verleiht dem Kreativen lediglich ein Recht an seinem geistigen Werk. Es ist Wirtschafts- und nicht Talentgrundlage. Wenn Sie aber richtig liegen, denken Viele wohl auch, dass es ohne Arbeitnehmerrecht weniger Arbeit gäbe. Halten wir sicherheitshalber fest: Es gäbe schlechtere Konditionen für die Arbeitenden, aber eher sogar mehr Arbeit. Sklavenarbeit eingeschlossen. Die Menschen müssten schließlich mehr und härter arbeiten, um den Verlust ihrer Schutzrechte auszugleichen. Ja, genau so sehen Ihre Schlüsse konsequenterweise aus: Kreative müssen, wie Sie andeuten, einfach nur schneller und mehr arbeiten, um sich ohne Urheberrecht des Kopierens zu erwehren. Genau genommen müssten sie wohl schneller Neues schaffen als die Datenbanken der Netz-Giganten Altes auswerten könnten, denn ohne Urheberrecht gehören kreative Werke dem, der sie hortet und nicht dem, der sie erschafft. Die müde Meute der professionellen Kreativschaffenden würde so richtig angeheizt, und somit hätte die Allgemeinheit keinen Verlust an Werk-Masse zu befürchten. Wow, wie innovativ und zugleich human Wissenschaft in ihrer emotionslosen Stringenz doch sein kann! Und wie gut, dass Sie Quantität zum alles bestimmenden Kriterium machen! Qualität – who shares? Wir brauchen mehr solche Erkenntnisse! Da Forschung ja aber Ihrer Einschätzung nach dauern kann, habe ich einen Vorschlag: Ziehen wir Ihnen doch den professoralen Stuhl samt all seiner Sie schützenden Rechte weg! Sie müssen dann einfach ein bisschen mehr, besser und schneller forschen. Das beflügelt Ihren Geist und dient der Allgemeinheit. Dann haben wir es bald geschafft. Sowieso: Die bei vielen Menschen vorherrschende intuitive Annahme, dass nur auf gepolsterten Stühlen intelligent gedacht wird, ist (hoffentlich!) falsch. Danke, dass Sie zum Denken angeregt haben. Und vorab schon mal vielen Dank für Ihren kommenden unermüdlichen Einsatz!

AK

Tweet-Foto verschwunden – Instagram (File-Unsharing)

„File sharing: you don’t mind when it’s some musician’s song or a designer’s game. When it’s your shitty Instagram photos it all changes, eh?“ Ein Foto dieses Tweets von kentonallen, der auf einen Gedanken von JamesWallis verweist, macht seit gestern die Runde im Netz. Unter anderem auf Facebook allerdings ist dieses Foto nun bei allen, die es gepostet hatten, von der Wall verschwunden. Weshalb? Darüber kann man natürlich nur spekulieren. Nur ganz eventuell klingelt da, dass Instagram eine Facebook-Tochter ist und enorm unter dem tobenden Shitstorm wegen der angekündigten neuen AGB gelitten hat. Da hatte Instagram doch glatt der Eindruck erweckt, Fotos privater Nutzer zukünftig weiterverkaufen und werblich nutzen lassen zu wollen. Ein Skandal, meinen die Nutzer! Und das ist ein herber Tiefschlag für Instagram, der das Unternehmen sofort zurückrudern ließ. Schadensbegrenzung. In solch gereizter Situation braucht es nicht noch Vergleiche mit illegalem Filesharing. Wie gut also, dass das Tweet-Foto wie von Zauberhand verschwunden ist. Es lohnt nun nicht, beim Facebook-Rivalen Twitter, wo natürlich alles noch vorhanden ist, nach dem Tweet zu suchen. Denn der darin gezogene Vergleich war ja sowieso, wie in vielen Blogs analysiert wird, falsch: Die Nutzer von Instagram wollten doch ganz bewusst, dass ihre Fotos von möglichst vielen Leuten unentgeltlich gesehen und geteilt werden. Sie wollten nur nicht, dass Andere (außer der charmanten wie vertrauenswürdigen Facebook-Tochter) mit ihren Fotos Geld verdienen. Professionelle Künstler wollen hingegen mehrheitlich nicht, dass ihr Material für lau geteilt wird. Das ist doch etwas ganz anderes! Hmm. Schon klar. Aber, ist da nicht doch noch was? Sowohl in der Instagram- als auch in der Filesharing-Debatte geht es um das Recht von Content-Erzeugern, selbst zu entscheiden, was mit ihrem Material passieren darf – und eben auch, was nicht passieren darf. Der Shitstorm gegen Instagram hat nichts anderes ausgedrückt, als dass es nicht okay ist, Dinge mit Dateien zu machen, die deren Erzeuger nicht wollen. Um nichts anderes geht es denen, die vom illegalen Filesharing negativ betroffen sind. Sie wollen auch nicht, dass jemand ungefragt Geld mit ihren Werken verdient und ihnen noch nicht mal etwas abgibt: Die Betreiber der Sharing-Portale verdienen sich oft dumm und dusselig, nur weil die schönen und attraktiven Inhalte kostenlos über ihre Infrastruktur laufen. Ist das tatsächlich etwas ganz anderes, nur weil für ausführlichere Gedanken in einem Tweet kein Platz ist?

File_Sharing

Alle, die sich über die angekündigten Änderungen der Instagram-AGB aufgeregt haben, aber mit freiem Filesharing kein Problem hatten, sollten mal darüber nachdenken, dass die meisten der illegal geteilten Inhalte um ein vielfaches aufwändiger und teurer hergestellt wurden als ein durchschnittliches, aber mit Liebe erstelltes Handy-Foto, das natürlich nicht „shitty“ ist! Vielleicht ist es dann ja doch nicht ganz unverständlich, dass Erzeuger von Musik, Filmen, Büchern und Software nicht wollen, dass ihre Arbeiten in einem „kostenlosen“ Markt landen, von dem Pirate Bay, Kim Schmitz und andere massiv und parasitär profitieren. Wer dann meint, dass die Erzeuger der teuren Inhalte ja aber doch selbst profitieren, weil ihre Werke durch freies Filesharing erst richtig bekannt werden und dann ja gemäß hoch-wissenschaftlicher Studien richtig Absatz auf veralteten Märkten bringen, sollte sich bei Instagram entschuldigen, die neuen AGB in ihrer Ursprungsfassung akzeptieren und sich sagen: Wenn die Fotos ungefragt auf Werbeplakaten und sonstwo landen, wird man richtig bekannt. Man wollte doch den exhibitionistischen Hype. Sonst hätte man sie doch gar nicht erst bei Instagram hochgeladen. Man weiß doch, was passiert, wenn man etwas ins Netz stellt. Das Netz funktioniert nun mal so, dass sich die Dinge eigendynamisch weiterentwickeln. Es ist technisch möglich, also wird es gemacht. Und man selbst verdient nicht weniger, nur weil andere mit den Fotos hinzuverdienen. Die Fotos sind außerdem nicht „weg“, nur weil sie zusätzlich auf Plakaten zu sehen sind. Weg ist nur das Tweet-Foto. Wozu die Aufregung?


AK

27.12.2012 PS: „Wozu die Aufregung?“ – Das müsste man dann auch der Schwester von Facebook-Chef Mark Zuckerberg entgegenrufen. Die Psychologin regt sich nämlich mächtig auf. Ein Foto, das sie auf Facebook mit ihren Freunden geteilt hatte, war plötzlich im Twitter-Profil der Marketing-Managerin Callie Schweitzer aufgetaucht. Randi Zuckerberg findet es lt. Spiegel-Netzwelt aber generell nicht in Ordnung, ein Bild öffentlich zu machen, ohne den Urheber vorher um Erlaubnis zu fragen. „Sehr uncool“ fände sie es, das Bild einfach zu kopieren. Frau Zuckerberg, „sharing is caring!“ – hören Sie auf, von menschlichem Anstand zu faseln. Wir leben im digitalen Zeitalter!

PIRAT IN ALLEN LEBENSLAGEN

Manchmal muss man einfach mit Piraten sprechen, um sich vom Eindruck verabschieden zu können, sie wollten Urheber ausbeuten. Ich muss sagen: Sie sind echte Verbündete. Sie geben unfassbar wertvolle Tipps, die sogar im allgemeinen Leben weiterhelfen. Natürlich behalte ich die Tipps nicht bei mir, denn, liebe Leute: Sharing is Caring.

1)   Autoren, Musiker und Filmemacher sollen sich ein Beispiel an der Softwareindustrie nehmen. Die nämlich bietet vieles kostenlos im Netz (open source) an, verdient aber trotzdem gutes Geld, nämlich durch Support-Hotlines. Die sind einfach ein bisschen schlauer und moderner als die Künstler. Glatt ertappt. Krass. Dass ich darauf nicht selbst gekommen bin… Ich habe mich doch oft genug über seltsam versteckte Speicherfunktionen und Hotlines aufgeregt, die mich für 1,89 € pro Minute eine halbe Stunde warten lassen. Aber jetzt! Ich baue ab sofort schiefe Töne ein und lasse in der Mitte eines Songs die Hotline-Nummer singen, damit die Leute mich anrufen. Hände reib! Und ich freue mich schon auf Bücher mit vermasselten Pointen, deren korrigierte Fassung ich mir am Telefon liebevoll und langsam vorlesen lassen kann.

2)   Es ist mies und gemein, von Gratis-Mentalität zu sprechen. Denn die meisten Leute zahlen fette 30 Euro für ihren Handy-Vertrag. Da ist vielleicht einfach nicht mehr drin. Ja, klar! Dass ich darauf nicht selbst gekommen bin… Ich zahle im Restaurant ab jetzt nur noch mein Essen – für die Getränke ist einfach nichts mehr drin. Korrekt! Und vielleicht bekomme ich ja auch einen kostenlosen Zweit-Handyvertrag bei einem anderen Anbieter, wenn ich meinen Erstvertrag vorzeige, denn mehr ist einfach nicht drin!

3)   Privatnutzung von Inhalten im Netz muss kostenfrei möglich sein, wenn der Nutzer nichts mit den Inhalten verdient. Boah, wie man abgezockt wird, wenn man nicht nachdenkt. Ich hätte nie GEZ-Gebühren zahlen müssen, weil ich nie Geld mit dem Fernsehen verdient habe. Das tut weh. Aber für all die nutzlosen Produkte, die ich nur gekauft habe, weil ich RTL- oder Youtube-Werbung gesehen habe, beantrage ich rückwirkend noch Kostenerstattung, denn ich habe ja auch nichts verdient. Und ich gehe jetzt immer dann ins Kino, wenn der Ticketverkauf schon aufgehört, der Film aber noch nicht angefangen hat. Ich setze mich auf einen frei gebliebenen Platz, da ich niemandem etwas wegnehme (außer ein bisschen Luft) und nichts verdiene. Mensch, mensch, mensch…

4)   Geistiges Eigentum muss man nicht schützen, sondern nutzen. Das Netz dient seiner Verbreitung in Datenform. Na endlich! Endlich bin ich versöhnt mit Google und Facebook, wenn die meine Daten ausschlachten: Daten muss man nicht schützen, sondern nutzen. Alles im grünen Bereich… Doch halt! Das hat der Pirat irgendwie anders erklärt: Private Informationen sind eine neue Form des geistigen Eigentums. Man sollte sie schützen. Hä? Das Netz muss doch frei sein! Grübel. Dann wiederum hat er gesagt, dass Künstler, die nicht einverstanden sind, wenn man Handy-Mitschnitte ihrer Konzerte einfach so ins Netz stellt, es nicht verdient haben, von ihrer Künstlerschaft leben zu können. Und wenn jemand den Mitschnitt mit seinem eigenen Handy gemacht hätte, dann hätte er doch das Recht, diesen Mitschnitt zu verbreiten. Äh… Dann müsste also Google eine eigene Technik verwenden, um aus dem Schneider zu sein. Aber tun die das nicht längst? Wieso also sollen die einen Daten geschützt und die anderen genutzt werden?

Naja, man kann ja nicht alles sofort verstehen. Ich glaube, ich muss bald wieder mit Piraten sprechen. Dann bin ich bald für alle Lebenslagen gerüstet. Thumbs up!

AK

WIR SIND DIE CROWD! WIR FUNDEN DICH! ERWARTE UNS!

Lieber Johannes Ponader, das ist echt nicht nett vom Bernd Schlömer, dass er dir erst einen medialen Maulkorb verpasst und jetzt kackendreist mit dem hinterfotzigen Ratschlag an dich, „mal zu arbeiten“ Schlagzeilen macht. Du hast so viel für ihn geschuftet, und jetzt dieser Undank. Nimm es dir einfach nicht zu Herzen. Schlunz Schlömi reicht nur weiter, was ihm sein Chef reinwürgt. Der sagt ihm nämlich mittlerweile täglich: „Arbeiten Sie eigentlich auch, Herr Schlömer, oder machen Sie nicht doch mehr Parteiarbeit auf unsere Kosten?“ Ja, so sieht’s aus, Johannes. Wie gut, dass du dich auch nicht weiter beeindrucken lässt und wieder durch die Talkshows tingelst, denn: wir brauchen dich! Du bist es, der den bedingungslosen Grundkurs der Piratenpartei (steil gen Abgrund) auch im Wahlkampf konsequent verfolgt. Du bist nicht dem Bundestags-Sessel verpflichtet oder von der winkenden Diät verführt, sondern ein unbestechlicher Befreier. Nicht du turnst die Wählerschaft ab, sondern die anderen in deiner Partei tun das mit ihrer Doppelmoral. Schau mal, während die Prinzipienuschi wider jedes Piratenideal gegen den Download ihres Buchs vorging (aus Dankbarkeit über die sechsstellige Bestechung der Content Mafia) und sich jetzt von eurer Bande strategisch den Mund verbieten lässt (und in vorauseilendem Gehorsam sogar ihr Facebook-Profil gelöscht hat – digitaler Selbstmord), bist du ehrliche Wege gegangen und hast mitten im Kampf gegen Abgeordneten-Bestechung eine korrekte Crowd Funding Aktion für dich selbst gestartet, als das mit dem Hartz IV wegen der entarteten Arbeitsämter bröckelte. Dass die Aktion wohl nicht so gut lief, ist nicht dein Fehler, Johannes. Denn die Piratenpartei sagt ja, dass Crowd Funding das Mittel der Wahl ist und Leute gern freiwillig zahlen. Da die Wahlen näher rücken und wir dich in Bestform brauchen, damit du deine Bande überführst und versenkst, möchten wir dir helfen durch einen edlen Aufruf:

Vernunftsbegabte Bürger des Landes, seid bitte so gut und schickt dem Johannes Ponader einen Hunni, damit er uns erhalten bleibt und tut, was ihm gute Mächte befahlen. Es darf auch ein kopierter Hunni sein, wenn’s keiner merkt und ihr nicht vergesst, den Modus „Privatkopie“ anzuknipsen. Aber schickt ihm was! Es geht um unser Land!

Ja, wir sind die Crowd! Wir funden dich! Erwarte uns!

AK

Nachtrag: Das ging schnell. Es kamen so viele kopierte Hunnis zusammen, dass Johannes Ponader keine 24 Stunden später seine eigene Spendenaktion beenden konnte. Da ist sie, die Welt des Überflusses.

VON PRIVATEN PIRATEN UND ÖFFENTLICHEN TOILETTEN

Liebe Piraten,

ich habe trotz gewissenhaften Trainings einen Knoten im Hirn. Ich kapiere das mit den „privaten Tauschbörsen“ nicht, die ihr legalisieren wollt. Mein Gehirn sagt, dass es nicht „privat“ ist, wenn ich eine Datei unbegrenzt vielen Menschen, die ich nicht kenne, zur Verfügung stelle. Ja, Scheiß-Gehirn, ich weiß. Ihr erklärt ja auch, dieses Anbieten von Dateien sei „nicht-gewerblich“. Aber schon wieder ein Knoten: Ist „privat“ wirklich das Gegenstück zu „gewerblich“? Wenn ich eine Datei im P2P-Netzwerk anbiete, mache ich sie doch öffentlich zugänglich. Und „öffentlich“ habe ich als passendes Gegenstück zu „privat“ gespeichert. Verdammt. Die Tauschbörse ist eigentlich ein öffentlicher Ort! Eine Toilette ist ja auch öffentlich, wenn sie von jedem Menschen (nicht unbedingt kostenlos – ein Wahlkampfthema für euch?) besucht werden darf.

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Und sie wird nicht zur „privaten Toilette“, wenn kein Geld fürs Pinkeln fließt oder sie regelmäßig nur von Nicht-Geschäftsleuten besucht wird. Allein der freie Zugang macht den virenbehafteten Zauber aus, der einer privaten Toilette abgeht. Wie kann dann eine Tauschbörse für tausende von Nutzern „privat“ sein? Liegt nicht auch da der (virenbehaftete) Zauber in der Unbegrenztheit und Vielfalt der Teilnehmer? Helft mir! Ich wäre doch so gern ein ganz normaler privater Pirat ohne Hirn und ohne Knoten, der im Netz kein Scheiß-Geld bezahlt und dem es scheißegal ist, ob irgendein Scheiß-Urheber um den Ertrag seiner Arbeit betrogen wird. Ich kann nicht unbeschwert privat saugen, solange ich annehmen muss, dass es das „nichtgewerbliche“ oder „nichtkommerzielle“ Filesharing, von dem ihr immer redet, gar nicht gibt. Ich biete Dateien urheberrechtlich geschützter Werke ja nicht aus Nächstenliebe an, sondern will im Gegenzug möglichst viele attraktive Dateien erhalten. Mein Hirn meldet: Handel! Tauschhandel! Gegenseitiger Vorteil! Ohne Geldfluss? Naja, zu mir fließt erstmal nichts, aber zu den Betreibern der Tauschbörsen oder Social Networks umso mehr. Die holen es sich über Werbung und Verwertung von Nutzerdaten, so wie es sich Raststätten mit kostenlosen (daher aber noch lange nicht „nicht-gewerblichen“) Toiletten über Snackverkäufe holen. Nur die Hersteller der Handelsware werden beim Filesharing übergangen. Total privat und schadet ja auch nicht? Nichtgewerbliches Filesharing? Private Tauschbörsen? Dann noch euer geheiligter Privatverkauf von Dateien, deren Ursprung bitteschön (ill)egal sein darf? Aua, mein Gehirn. Könnt ihr so wirklich die breite Palette gesellschaftlicher Probleme lösen, ohne dass das Land untergeht? Was habt ihr für mich? Wie habt ihr die Knoten gelöst? Oder macht euch das Verlangen nach „kostenlosem“ Privatkonsum auf Kosten der Konsumgüterhersteller einfach nur dumpf im Schädel?

AK

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