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weiter denken…

Kategorie: Kreativität

SHARING IDENTITIES IS CARING ABOUT OTHERS

Die Piratenpartei ist in der Versenkung verschwunden, und die Debatte um das Urheberrecht hat sich von digital-pubertären Floskeln wie „sharing is caring“, „geistigen Diebstal gibt’s nicht, weil ja nichts wegkommt“ oder „Austausch von Daten im Netz ist nun mal technische Realität, da kann man nichts machen“ gelöst.

Wirklich?

Nicht ganz. Mit dem Vorsatz „I’m fighting to make copyright unified, progressive and future-compatible in the EU. Will you join me?“ sitzt nun Julia Reda als „The Pirat“ im EU-Parlament und ist Berichterstatterin für die Evaluation der EU-Urheberrechts-Richtlinie. Ihr Berichtsentwurf zum EU-Urheberrecht enthält eine ganze Menge Änderungsvorschläge, die Kulturschaffenden ganz schön zu schaffen machen könnten. Ihr Leitsatz ist „Urheberrecht ungeeignet für grenzüberschreitenden Kulturaustausch im Netz“, und in einem Interview kommentiert sie die geltenden Bestimmungen mit „… dann ist oft Filesharing die attraktivere Lösung“.

Es klingt, als sollten Rechteinhaber geistiger Schöpfungen ihr Recht zur Selbstbestimmung über die Verbreitung ihrer Werke ein ganzes Stück weit aufgeben, weil ja Filesharing nun mal technische Realität ist. Die Wiederbelebung dieses Ansatzes verwundert, da die Piraten ein gewichtiges Argument nie entkräften konnten: Wenn man digitale Verbreitung von Werken nicht regulieren kann (oder darf), kann auch Datenschutz oder Jugendmedienschutz letztlich nicht funktionieren oder legitim sein. Warum gilt „sharing is caring“ nicht für Nutzerdaten? Piraten und viele Netzpolitiker sind eine stringente Erklärung – oder einen Ausweg – schuldig geblieben.

Bis heute!

Unter „Was denkst du?“ sammelt Julia Reda auf ihrer Website Kommentare zu ihrem Berichtsentwurf. Dort zeichnet sich ein völlig neuer und progressiver Umgang mit Nutzerdaten ab. Wer dort in der Vergangenheit nämlich einen Kommentar hinterlassen hat und nun erneut kommentieren möchte, bekommt im Formular nicht etwa langweilig seine eigenen Nutzerdaten (Name, Mail-Adresse, Website) angezeigt, sondern auch schon mal die eines anderen Nutzers. Problemlos könnte man nun dort unter fremder Identität einen Kommentar hinterlassen, und die Öffentlichkeit würde es nicht merken. Ein Ausweg aus dem Dilemma!

wasdenkstEDIT

Endlich ist der Widerspruch aufgelöst. Der digitale Altruismus gilt nicht mehr nur für das Verschenken von Musik, Filmen, Büchern und Software. Er gilt auf ganzer Linie und wird zum Vorzeichen eines wirklich freien Internets. Für Nutzerdaten darf man nun sagen: Sharing identities is caring about others. Oder hat hier jemand das Netz nicht verstanden?

AK

EDIT: Kommentatoren berichten inzwischen, dass sie sogar bislang nicht freigeschaltete Kommentare anderer Nutzer in ihrem Formular zu sehen bekommen. Es lebe die Transparenz.

LICHTNAHRUNG STATT URHEBERRECHT

Gern wird in diesen Tagen das Urheberrecht von Politikern zur Disposition gestellt, um den Weg für ein „freies Internet“ zu ebnen. Das Urheberrecht sorgt schließlich dafür, dass die Erschaffer von Musik, Film, Literatur und Fotografie ihren Anteil einfordern dürfen, wenn Plattformen einen wirtschaftlichen Vorteil durch Einbindung der Werke haben. Eigentlich ist das Urheberrecht der Inbegriff von fairem Ausgleich zwischen wirtschaftlich stärkeren Verwertern und wirtschaftlich schwächeren Kreativschaffenden. Gerade im linken politischen Spektrum sollte es akzeptiert sein.

Dem ist aber nicht so. Zu sehr drängt das Verlangen der Allgemeinheit nach kostenlosem Medienkonsum auf Verwirklichung in der politischen Agenda. Und zu sehr sorgt das Urheberrecht dafür, dass Plattformen einflussreicher und lautstark wetternder Firmen, die die Werke der Kreativschaffenden „verschenken“ (um sich selbst die Werbeeinnahmen einzustecken), sich über Abgaben und Gewinneinbußen ärgern. Zu sehr haben manche Vertreter der Grünen und der Linkspartei ihre Segel in den Wind des Digital-Kapitalismus gehangen, als dass sie noch mehr als symbolisch Rücksicht auf die (fürs Wahlergebnis irrelevanten) Kreativschaffenden nehmen könnten. Ausgleich ist für sie nicht mehr, dass Erlöse aus kreativer Leistung fair aufgeteilt werden. Ausgleich ist vielmehr, wenn kreative Leistung kostenlos erschwinglich wird und die Lobbyisten der Netz-Monopolisten zufrieden sind.

Aber durchaus machen sich einzelne Politiker intensivere Gedanken, weil sie wissen, dass das kreative Gut, das sie für ein paar mehr Wählerstimmen so gern für lau unters Volk verteilen, mit der Zeit schwinden könnte. „Grundeinkommen statt Urheberrecht?“ heißt die – zum Selbstschutz mit einem Fragezeichen versehene – Antwort des Politikers Ilja Braun von der Linkspartei. Als Ausdruck der Komplexität seiner Idee hat er ein ganzes Buch geschrieben, allerdings kann man den Grundgedanken auch – zeitgemäß kostenlos – auf der für Urheberrechtsdemontagen empfänglichen Plattform iRIGHTS.info (deren Finanziers so bekannt sind wie Helmut Kohls Spender) lesen.

Es entfaltet sich ein bestechend einfaches Gedankenmodell: Das Urheberrecht sollte ja mal die Autonomie und den Lebensunterhalt von Kreativen sichern. Kreativ sind heute aber „irgendwie alle“, und insofern kann die Vergütung der Kreativen in eine Zuwendung transformiert werden, die allen zugute kommt: Das Bedingungslose Grundeinkommen. Dass es wenige Kreative gibt, deren Werke massenhaft rezipiert werden und viele Kreative, die nichts Ergiebiges beisteuern, kümmert ihn genau so wenig wie die Piratenpartei, die auf eine ähnliche gedankliche Gleich(mach)ung setzt. Kreativität ist schließlich „demokratisiert“. Das klingt toll, und danach ist es gestrig, zwischen einem Bestseller-Autor und dem Verfasser einer Produktrezension bei Amazon zu unterscheiden. Beide sind kreativ. Gleichwertig. Basta.

Dieser von nicht zu glaubendem Respekt für die professionell und erfolgreich tätigen Kreativschaffenden getragene Gedanke könnte also alle Probleme des Urheberrechts in der digitalen Gesellschaft mit einer Keule lösen: Das Urheberrecht kann weg, wenn Kreative (also Alle) sowieso ein Dach über dem Kopf hätten und nicht verhungern müssten.

Das ist revolutionär. Das Recht des Stärkeren wird durch die politische Linke mit gesellschaftlicher Fairness digital versöhnt. Das ließe sich ausbauen. Man muss das Bedingungslose Grundeinkommen gar nicht überstrapazieren. Wenn Menschen endlich in der Lage wären, ihre physische Energie aus stets kostenlos vorhandenem Licht zu ziehen, bräuchten sie keine Beteiligungen am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Leistung. Sie könnten im Gegenzug ihre Werke kostenlos ins Netz stellen – zum Wohle der Gesellschaft und der Monopolisten. Lichtnahrung statt Urheberrecht. Der Begriff Hungerkünstler bekäme eine positive, zeitgemäße Dimension. Ausbaufähig ist der Gedanke vor allem (und wenn einem das zu esoterisch ist) aber auch in eine andere Richtung: Alle Schutzrechte können bald abgeschafft werden. Wozu brauchen wir etwa noch aufwändig durchzusetzenden Kündigungsschutz? Es muss doch endlich in Ordnung sein dürfen, wenn ein Unternehmen seinen Arbeitnehmer mal eben in die Wüste schickt, wo kostenlos die Sonne scheint und ihm sein bedingungsloses Grundeinkommen niemand nehmen kann.

AK

PIRATDETEKTIV: BOHLEN HAT NICHT GESTOHLEN

In Pressemitteilungen wird behauptet, Dieter Bohlen habe geklaut. Für den Andrea-Berg-Song Piraten wie wir soll Bohlen unverhohlen Melodieteile sowie rhythmische und klangliche Merkmale aus dem Tina-Turner-Song The Best genommen haben.

Foto: Dirk Vorderstraße, Lizenz: CC BY 3.0

Foto: Dirk Vorderstraße, Lizenz: CC BY 3.0

„Bohlen hat gestohlen“ reimt sich. Aber stimmt es auch? Zur endgültigen Aufklärung hatte der Poptitan direkt nach Bekanntwerden der Vorwürfe – inspiriert durch den Titel seines Songs – einen Piratdetektiv engagiert. Dessen Auftrag bestand aus zwei Teilen.

Erstens sollte er sämtliche Musikdateien, die auf einer Kopie von „The Best“ beruhen, auf das Fehlen der von den fleißigen Musikwissenschaftlern benannten musikalischen Parameter untersuchen. Dazu fand er zunächst heraus, welche Institution den umfassendsten Zugriff auf die Daten weltweiter Computernutzer hat. Die Ermittlungen führten ihn zunächst zur NSA, jedoch stellte sich heraus, dass Google hier weit voraus ist. Der Detektiv konnte schließlich einen Fingerabdruck von „The Best“ mit Googles Datenbeständen vergleichen. Das Ergebnis: Nirgendwo fehlten Töne, Rhythmen oder Klänge.

Zweitens musste der Piratdetektiv das Original von Tina Turner untersuchen. Wie Google ihn an das Masterband geführt hat, darf er nicht sagen. Google hat in bewährter Manier ein Non-Disclosure-Agreement verfügt. Sanktioniertes Stillschweigen. Aber das Ergebnis liegt nun offen: Auch im Original der Aufnahme fehlt kein einziger Ton.

Es ist also infam, Dieter Bohlen Diebstahl vorzuwerfen. Es fehlt ja nichts! Gleichzeitig ist bewiesen, was die Piratenpartei und immer größere Teile der Grünen längst erkannt haben: „Geistiges Eigentum“ ist eine Fehlkonzeption, und noch schlimmer ist es, vom „Diebstahl“ geistigen Eigentums zu sprechen. Denn wo nichts fehlt, kann kein Diebstahl stattgefunden haben. Dieter Bohlen hat Tina Turner nichts weg genommen, so wie auch kein Internetnutzer jemandem etwas weg nimmt, wenn er Songs oder Filme über Tauschbörsen oder Sharehoster unlizenziert verbreitet.

Unverständlich bleibt, wieso sich die selben Leute, die für freies Filesharing sind, über Dieter Bohlens „Diebstahl“ ereifern. Genauso wenig, wie der Titan Tina Turner um Erlaubnis gefragt hat, haben sie jemals die Urheber von Songs
oder Filmen um Erlaubnis gefragt, bevor sie sie munter kopiert, verbreitet oder verwurstet – und manchmal über Youtube zu Geld gemacht – haben. Dieter Bohlen macht auch nur Geld. Und die NSA sowie Google nehmen ebenfalls niemandem etwas weg, wenn sie Kopien persönlicher Nutzerdaten auf ihren Servern speichern und verwursten.

„Everything is a Mashup“. Ob Songs, Filme oder Nutzerdaten – egal. „Sharing is caring“. Wer sich aufregt, ist von gestern.

Was im Fall Bohlen erneut deutlich wird: Der technische Fortschritt erfordert ein Umdenken auf allen Ebenen. Die Zukunft gehört der offenen Vernetzungskultur, in dessen Grundfeste Moral und der Begriff des Diebstahls einfach nicht passen. Allerdings wird dieses Umdenken noch einige Zeit in Anspruch nehmen und wohl noch viele Piratdetektive beschäftigen.

Immer mehr Anti-Abmahn-Anwälte, die nach den jüngsten Vorstößen des Bundesjustizministeriums gegen ihre besten Arbeitsbeschaffer, die Abmahnanwälte, um ihr Geschäft fürchten, satteln übrigens mittlerweile auf Piratdetektiv um. Hier können sie tun, was sie immer taten: Beweisen, dass kein Diebstahl stattfand, obwohl er wahrscheinlich doch stattfand.

AK

Menschenrecht2k.to

Mit Movie2k ist letzte Woche eine der meistbesuchten illegalen Webseiten für den Gratiskonsum teurer und beliebter Filme vom Netz gegangen. Es wird spekuliert, ob die Seite im Zuge von Ermittlungen im Kino.to-Fall abgeschaltet wurde. Schließlich ermittelt die Dresdner Staatsanwaltschaft seit längerer Zeit. Allerdings ist die Seite wenige Tage später unter anderem Namen wieder aufgetaucht.

Auf der neuen Seite wird höhnend unter einem Stinkefinger verkündet: „Niemand sollte die Macht haben, jemanden wegen Geld zu richten! Das alles hier ist das Resultat eines kollektiven Bedürfnisses der Menschen nach kostenfreien Medien.“

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Man fühlt sich an die Parolen von Kim Dotcom und The Pirate Bay erinnert. Natürlich schreibt das Portal kein Wort darüber, dass es an den „kostenlos“ vertriebenen Inhalten durch Werbung reich wird, ohne auch nur einen Cent an die Erschaffer der teuer und durch intensiven persönlichen Einsatz hergestellten Werke abzugeben. Die heuchlerische Rechtfertigung dieses Schwindels mündet in dem PS: „Wählt die Piratenpartei“.

Die Piratenpartei dürfte sich aber eigentlich gar nicht zuständig fühlen, die Plattform zu verteidigen. Die Partei hatte sich schließlich im vergangenen Jahr – wohl vordergründig – mehr und mehr von den Machenschaften solcher illegalen Angebote im Netz distanziert. Ihr Ziel war es, ein Image aufzubauen, dass sie keineswegs die Existenzgrundlagen der Urheber als wichtiger Wirtschaftskraft unseres Landes bekämpfe. Floskeln wie „wir wollen die Urheber befreien und stärken“ sind in nahezu allen Urheberrechts-Statements vorhanden. Die Piraten hatten es als schädlich erkannt, wenn der Eindruck entsteht, dass sie stets die Interessen der Infrastruktur-Industrie über die von Kreativen stellen und Kreative zu Kostenloslieferanten ausbeuterischer Portale machen wollen. Pirat Christopher Lauer hatte im Mai 2012 eine sehr eindeutige Ansage gemacht: „Wie mit Internetangeboten wie Megaupload und kino.to umgegangen werden soll, ist auch bei Piraten klar: abschalten!

…abschalten?

Was von dieser Ansage nunmehr – mitten im Bundestagswahlkampf – zu halten ist, führt die Piratenpartei am Beispiel des Kino.to-Nachfolgers Movie2k.to vor. Wer nämlich inzwischen auf die URL der Seite geht, wird von den angeblich der Piratenpartei nicht bekannten Betreibern direkt zur Piratenpartei umgeleitet. Und die zeigt sich, anstatt sich in Erinnerung an die Worte Christopher Lauers entschieden zu distanzieren, hoch erfreut über diesen Aufmerksamkeitsschub und baut inhaltlich voll auf die Geschäftstaktik des Portals auf. Von Distanz oder Abschalten-Wollen ist keine Spur mehr.

Alle, die mal wieder einen teuren Film kostenlos saugen wollen, stoßen nun auf eine demagogische Rede des Piraten Bruno Kramm. Er versucht in einem aufgesetzten Wort-Zum-Sonntag-Stil zu vermitteln, dass das etablierte Urheberrecht nur den großen „Verwertern“ nützt, während es die Interessen der Urheber und Künstler negiert. Auch er sagt kein Wort dazu, dass das illegale Filmportal eine Menge Geld mit den Werken von Urhebern und Künstlern verdient, ohne sie dafür zu entschädigen. Er erklärt natürlich mal wieder nicht, dass es das etablierte Urheberrecht ist, das genau dies nicht zulässt und jedem einzelnen Urheber – nicht per se dem „Verwerter“ – eine Beteiligung am wirtschaftlichen Vorteil seines Werks zugesteht. Was er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln vertuscht: Das Urheberrecht steht dem Geschäftsmodell von Movie2k und anderen anonymen Selbstbedienungsportalen im Wege. Der Kern des Modells ist kostenlose Konsumgüterbeschaffung, also Gewinnmaximierung durch Nichtbezahlung.

Bruno Kramm unterstützt das offenbar und bläst den dabei zwangsläufig aufsteigenden Geruch von Kreativen-Ausbeutung süffisant gegen genau die Geschäftspartner von Urhebern, die sich um die Eintreibung der ihnen zustehenden Anteile am wirtschaftlichen Vorteil ihrer Werke kümmern. Bevorzugt wettert er gegen die GEMA. Er versucht, Ahnungslosen den Eindruck zu vermitteln, er wolle die Stellung von Komponisten und Textdichtern stärken, indem er für mehr Rechte gegenüber der GEMA kämpft. Diese Rechte sollen dann die Verluste kompensieren, die Musikurheber durch das parasitäre Netz-Geschäft erleiden. Tatsächlich will er beispielsweise bewirken, dass GEMA-Mitglieder das Recht bekommen, einzelne Werke kostenlos zu veröffentlichen. Dabei hat die GEMA gar keinen Einfluss auf den Abgabepreis eines Tonträgers. Es geht Kramm also darum, Werke kostenlos medial nutzen zu lassen. Der Allgemeinheit verkauft er es als „Stärkung der Urheber“. Aber es ist nichts anderes, als wenn man gewerkschaftlichen Tarifvertragspartnern das Recht zugestehen würde, einzelne Jobs auch untertariflich zu bezahlen. Es ist eine zynische Form der „Stärkung“.

Bleibt also festzustellen, dass die Piratenpartei trotz aller Bemühungen, Urheber ins Boot zu holen, offenbar nichts dazu gelernt hat und heute schärfer denn je Gratiskultur für Konsumenten nebst Gewinnmaximierung für illegale Portale voran treibt. Schließlich sei es, wie Bruno Kramm mal gesagt hat, ein Menschenrecht, amerikanische TV-Serien (sofort und kostenlos) konsumieren zu dürfen. Wirtschaftliche Fairness und Balance im Netz zu etablieren setzt er mit Ausschluss Einzelner gleich, als diene die Kasse im Supermarkt dem Ausschluss von Kunden. Dass man TV-Serien und Filme auch auf legalem Weg im Netz konsumieren und stöbernd entdecken kann – etwa durch Filmportale wie Lovefilm.de oder Watchever.de – interessiert ihn im Zuge seiner Ansprache nicht. Lieber fischt er in trüben Gewässern nach Wählern.

Da fragt man sich bei all der offenkundigen Interessengleichheit zwischen Portal und Partei, weshalb sich Movie2k.to nicht gleich in Menschenrecht2k.to umbenannt hat. Denn das Tauschen von Filmen ist auf solchen illegalen Portalen, so die höhere Schule des Piratengeschwurbels, nur Nebensache. In Wahrheit geht es da um freie Meinungsäußerung, Demokratie, Teilhabe am kulturellen Leben und Informationsfreiheit. Der kürzlich von Ermittlern aufgesuchte private Uploader, der wohl 120.000 Filme auf das damalige Kino.to hochgeladen hat, verdient eigentlich den Friedensnobelpreis. Und dass etwa 10.000 Besucher minütlich von Movie2k.to zur Piratenpartei umgeleitet werden, zeigt, wie viele Menschen trotz alltäglicher Belastungen aktiv für Demokratie und Menschenrechte kämpfen. Es ist rührend – und für das Portal eigentlich ein guter Grund, den Stinkefinger umzugestalten:

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AK

MUSIK HAT AUSGEDIENT

Ein umfassendes Reading aller wissenschaftlichen Studien zum Thema „Musik im Netz“ konnte heute abgeschlossen werden. Das Ergebnis ist frappierend. Alle Studien kommen zu dem Ergebnis, dass „Piraterie“ der Musikbranche mehr nützt als schadet. Wahrscheinlich gäbe es ohne Piraterie gar keine herkömmliche „Musik“ mehr.

Der Mechanismus wird einheitlich dargestellt: Wer einen Musiktitel über eine Internet-Tauschbörse oder einen File-Hoster kostenlos saugt, kauft ihn anschließend selbstverständlich zusätzlich bei einem legalen Anbieter. Sollte der Kauf unterbleiben, kann klar davon ausgegangen werden, dass die betreffende Person den Musiktitel auch ohne illegales Gratis-Angebot nie gekauft hätte. Alle Parteien sind also Gewinner des freien Datentausches. Das ist nicht nur erfreulich für Google, Kim Dotcom und die gebeutelten Jungs von The Pirate Bay, sondern zeigt zugleich etwas ganz im Allgemeinen höchst Erfreuliches: Im Netz herrscht hundertprozentige Aufrichtigkeit.

Wenn die Musikbranche nach Gründen für den drastischen Rückgang ihres globalen Umsatzes seit Verbreitung des Internet sucht, muss es dafür plausiblere Gründe als unregulierte Gratis-Verbreitung geben. Aus den Studien lassen sich vor allem zwei gewichtige Gründe schließen. Diese haben zwar durchaus etwas mit dem Netz zu tun, aber in anderer Weise als bislang angenommen.

Der erste Grund: Menschen mögen Musik einfach nicht mehr so gern. Sie sind heute mit anderen Dingen beschäftigt. So wie die Pferdekutsche irgendwann mal ausgedient hat, ist auch Musik ein Relikt alter Zeiten. Gänsehaut, lange als eine magische Wirkung von Musik gefeiert, wird heute eher als störend und unangenehm empfunden. Entscheidend hat zu diesem Auffassungswandel das Netz beigetragen: Über lange Zeit hinweg haben die Menschen nicht gemerkt, dass sie einer gestrigen und von der Musikindustrie aufgezwungenen Kulturform erliegen und sich freiwillig für teures Geld Krankheitssymptome – mitunter auch Tränen oder heftiges Popowackeln – zuziehen. Erst der freie Austausch von aufklärenden Informationen im Netz hat das überkommene Wesen der Musik bloßgestellt. Musikwissenschaftler, von Natur aus gegen Gänsehaut und andere Wirkungen immun, wussten das zwar schon immer, aber ihre Studien waren zwischen Buchdeckeln eingeklemmt und nicht zugänglich, bevor Google anfing, zum Gemeinwohl das Urheberrecht zu brechen.

Der zweite Grund: Musikalische Begeisterung, gilt, wenn es sie noch gibt, kaum noch den Werken von „Komponisten“ und „Textdichtern“. Paul McCartney oder David Guetta sind ebenso Musik-Dinosaurier wie zeitgenössische Konzert- oder Filmkomponisten und überhaupt alle, die dem altmodischen Berufsbild folgen und von ihren Musikschöpfungen leben wollen. Sie haben ausgedient. Musik hat ausgedient. Ein Stück weit zumindest. Heute steht der Prosument im Mittelpunkt der Netzwelt. Er produziert und konsumiert gleichermaßen und ist dank „GarageBand“ nicht mehr auf die zweifelhafte Ware von Profis angewiesen. Jeder erstellt heute im Handumdrehen seinen eigenen Content und schenkt ihn der Allgemeinheit. Dieses harmonische Geben und Nehmen umgeht jeden gewohnten Markt und markiert den Beginn eines Soundcode 2.0. Er wird unter Verwendung des veralteten Begriffs teilweise auch als „freie Musik“ gefeiert, weil er durchaus Ähnlichkeiten mit Musik hat, sein Konsum aber frei von Kosten und Nebenwirkungen ist.

Die Musikbranche sollte also froh sein, wenn sie mit ihrer gestrigen Kulturform im strahlenden Meer des Soundcode 2.0 überhaupt noch Profite erwirtschaftet. Sie sollte vor allem den Prosumenten dankbar sein. Sie erwischen nämlich ab und zu im aufrichtigen Glauben, ein hochwertiges eigenes Stück auf Youtube hochzuladen, versehentlich einen zufällig noch auf ihrer Festplatte herumgammelnden McCartney oder Guetta. Solche Flüchtigkeitsfehler im Bereich des „User Generated Content“ halten die Dinosaurier der Musikbranche am Leben. Plattformen wie Youtube sind da überaus tolerant und nehmen es sportlich in Kauf, dass das verstaubte Image der hochgeladenen Blindgänger auf die Plattform abfärben und Umsatzeinbußen bewirken könnte. Und auch Wissenschaftler sind tolerant. Manche von ihnen legen sogar ein gutes Wort für die Dinosaurier ein und fordern, Musik ab sofort zum Remix frei zu geben. So könnte der dinosaurische Datenmüll durch ein paar Mausklicks auf zeitgemäß kostenfreien Soundcode 2.0 upgegraded werden. Es wäre ja auch unverantwortlich, der Allgemeinheit den Müll vorzuenthalten und ihn nicht frei verfügbar zu machen. Er ist Teil unseres kulturellen Gewissens und ein wichtiger Rohstoff für Neues.

Man sollte also die Dinge ihrem natürlichen Schicksal überlassen und an das Gute im Netz glauben. Vielleicht können sich professionelle Komponisten und Textdichter dann sogar noch längerfristig als kulturelle Randerscheinung halten. Es gibt schließlich auch immer noch Kutscher.

AK

PS (02.04.2013): Nicht alle Leser haben verstanden, dass der obige Text ein Aprilscherz ist. Vielleicht liegt das daran, dass für Netzideologen jeder Tag ein erster April ist und wir solchen Jargon schon gewohnt sind.

McDONALD’s EROBERT SCHULEN, GOOGLE EROBERT UNIVERSITÄTEN

McDonald’s & Co. raus aus den Schulen!“ ruft „foodwatch“ aktuell. Stein des Anstoßes: Am Bündnis für Verbraucherbildung, das Grundschulkinder in Ernährungsfragen bilden soll, sind ausgerechnet McDonald’s, Rewe und Metro beteiligt. Die Unternehmen könnten ihre erkaufte Position nach US-Vorbild ausnutzen und den Kindern unter dem Deckmantel der Aufklärung noch mehr Appetit auf Fast Food und Pferdelasagne machen.

Was aber ist, wenn ein Milliardenkonzern ein ganzes Universitäts-Institut finanziert? Und wenn umstrittene Gesetzesänderungen im Interesse des Konzerns durch das Institut voran gebracht werden könnten?

Die Rede ist vom Institut für Internet und Gesellschaft. Es befindet sich in der juristischen Fakultät der Alexander-Von-Humboldt-Universität in Berlin und soll die durch das Internet ausgelösten Veränderungen in der Gesellschaft untersuchen. Initiator und bislang einziger Geldgeber ist der Konzern Google, der zunächst 4,5 Millionen Euro für die ersten drei Jahre zahlt.

Nun muss man nicht gleich annehmen, dass so etwas wie Geld jeden Berufsethos von Wissenschaftlern unmittelbar vernichtet. Gedanken an einen von Google erhofften Kunstrasen für eine googlegünstige Politik drängen sich jedoch auf. Es ist ja bekannt, dass Google datenschutzrechtliche Hürden ebenso zu durchbrechen versucht wie geltendes Urheberrecht, um sich alles Digitalisierbare zu Nutze machen zu können. Dass es Menschen gibt, die ihre Häuser nicht auf Google Street View zeigen möchten, stört Google ebenso wie die Tatsache, dass Buchautoren sich von Google Books übervorteilt sehen, Fotografen die neue Google-Bildersuche als Raubzug empfinden und Komponisten Googles Videoplattform Youtube über ihre Verwertungsgesellschaften zu fairen Vergütungen bewegen wollen. Weniger hingegen stört sich Google anscheinend daran, illegale Plattformen durch Werbemaßnahmen zu unterstützen, um an den rund um die unregulierte Distribution von Musik, Filmen und Büchern generierten Werbeeinnahmen zu partizipieren und digitale Geschäftsmodelle der Kreativen zu torpedieren. Um seine Pfründe mehren zu können, investiert Google Kritikern zufolge jährlich Millionen gegen Urheberrechte.

Im Grunde ist die Frage müßig, ob das Berliner Institut von Google ideologisch gelenkt wird. Google kann den Dingen freien Lauf lassen, denn die Beschäftigten werden sich ihre eigenen stillen Gedanken machen, ob sie Google in den Rücken fallen oder stützen. Bislang hat sich nämlich kein vergleichbar potenter Geldgeber für eine Anschlussfinanzierung gefunden. Und schon die bloße Möglichkeit einer Beeinflussung von universitärer Forschung durch mächtige Geldgeber schadet nicht nur dem Ansehen der Humboldt-Universität, sondern darüber hinaus dem Vertrauen der Bürger in die Wissenschaft als objektivierende und von Konzerninteressen unabhängige Kraft in der Gesellschaft.

Auf das Thema Urheberrecht ist die Instituts-Mitdirektorin Jeanette Hofmann spezialisiert. Sie sieht dessen Relevanz für die Regulierung des Austausches von Kulturgütern als überbewertet an, etwa hier ab 1.11.34:

My idea is that the discussion we have on copyright sort of overemphasizes the importance, the relevance of copyright in regulating our exchange of cultural goods.

Oft verwendet sie in öffentlichen Statements offene Formulierungen, etwa hier:

Es ist gar nicht ganz klar, ob es das Urheberrecht tatsächlich braucht. Wenn ich keine Rechte an meinem Werk hätte und ich würde jetzt zu einem Verleger gehen und sagen: hier ist mein schönes Manuskript, willst du es drucken, dafür möchte ich aber dann gerne etwas Geld sehen? Dann würde ein einfacher Vertrag vermutlich genau das erreichen, was das Urheberrecht auch intendiert.

Einem von seinen Lizenzrechten lebenden Urheber gehen unmittelbar die Alarmglocken an: Der Verleger (oder wer auch immer) könnte mein Werk auch einfach so nutzen, wenn „ich keine Rechte an meinem Werk hätte“. Ich muss es ihm zur Begutachtung ja erstmal überlassen. Ein Urheber würde in diesem Konstrukt zu dem leicht auszubeutenden Abfindungs-Bettler, der er in der Geschichte einst war. Solch ein Eindruck darf aber nicht zu der Behauptung verleiten, Frau Hofmann halte das Urheberrecht für überflüssig oder stelle sich gar auf die Seite derer, die mit illegalen Filmkopien Geld verdienen. Einen ZEIT-Artikel, in dem genau das stand, ließ sie über eine einstweilige Verfügung aus dem Netz nehmen. Sie sieht nämlich die Unabhängigkeit ihrer Forschung als gesichert an, ist mitunter als Kritikerin von Google vor der Zeit am Institut hervor getreten und merkt auch aktuell an, das Urheberrecht nicht in Gänze abzulehnen.

In einem Vortrag bei Bündnis 90 / Die Grünen thematisiert Frau Hofmann die Frage, ob das Urheberrecht wichtig ist, um Marktversagen zu verhindern. Ihre Beispiele sind bemerkenswert: Standup-Comedians genießen kein Urheberrecht für ihre Witze, können aber keine Witze von Kollegen klauen, ohne Gesichtsverlust zu erleiden. Ebenso gebe es einen funktionierenden Handel mit TV-Formaten, obwohl diese nicht geschützt seien. TV-Produzenten wollten oft auch gar keinen Schutz, um mehr Freiheit zu haben. Sie zieht also Beispiele aus dem Bereich der urheberrechtlich (aus gutem Grund) nicht geschützten Ideen heran, um zu vermitteln, dass im Bereich der (aus gutem Grund) urheberrechtlich geschützten Werke ein Markt auch ohne ein starkes werkbezogenes Schutzrecht funktionieren könnte. Das erinnert an das neoliberale Motto: Der Markt regelt das alles ganz allein – es ist gar nicht ganz klar, ob es den Markt ordnende Gesetze überhaupt braucht.

Problematisch ist ihr Übertragungsversuch allemal, schon weil die Voraussetzungen dafür nicht stimmen. So ist ein TV-Format in einzelnen seiner Elemente, etwa in konkreten Skripts, sehr wohl urheberrechtlich geschützt. Ungeschützt ist lediglich die Format-Idee. Aber auch die einem urheberrechtlich geschützten Werk zu Grunde liegende Idee wird stets nicht vom Schutzrecht erfasst. Jeder Mensch hat das Recht, sie aufzugreifen und selbst weiterzuentwickeln. Anstatt also TV-Produzenten, die keinen Schutz von Formatideen wollen, als potenzielle Vorbilder für ein gelockertes Werkschutzverständnis hinzustellen, wäre es entzerrend, einfach zu sagen, dass auch Urheber in aller Regel keinen Ideenschutz wollen. Auch sie bevorzugen die Freiheit, Ideen aufzugreifen und zu eigenen Werken auszugestalten. Wer ein Buch oder einen Song schreibt, greift darin immer auch auf vorhendenes Ideengut zurück. Das Urheberrecht hindert daran nicht, und das ist gut so! Hingegen hindert das Urheberrecht sehr wohl Unternehmen – etwa auch Google – daran, sich einfach an fremden Werken zu bedienen und sie unlizenziert zum eigenen Profit frei zugänglich zu machen. Auch das ist gut so!

Interessant ist aber an Jeanette Hofmanns Darstellung auch, was sie nicht beleuchtet, obwohl es dringend dazu gehört: Comedians müssen nicht Urheber und noch nicht mal Ideenhaber der Witze sein, die sie vor Publikum aufführen. Und TV-Produzenten sind häufig nicht Urheber oder Ideenhaber der Formate, mit denen sie handeln. Somit können weder Comedians noch TV-Produzenten als Indiz dafür herhalten, dass urheberische Schutzrechte verzichtbar sind. Der funktionierende Handel mit TV-Formaten führt vielmehr denen, die ihn von innen her kennen, die Schattenseiten nicht wirksamer Schutzrechte vortrefflich vor Augen: Viele Konzept-Ideen Freischaffender landen auf den Tischen von Produzenten, um erst abgelehnt und später ohne Beteiligung der wahren Ideenhaber verwirklicht zu werden. Stille, unbekannte Ideenlieferanten werden regelmäßig ausgebeutet – der Markt weiß ihr Potenzial effizienter als gerecht zu nutzen.

Urhebern ihre Schutzrechte wegzunehmen würde nicht nur ihre Ideen, sondern vollendete Bücher, Musikstücke oder Filme zum Freiwild von Ausbeutern machen. Am Erfolg ihrer geistigen Leistung würden vor allem die cleversten Geschäftsleute unter den Urhebern beteiligt, nicht die begabtesten Künstler. Den Status von Witzen heranzuziehen, um einen Zustand zu rechtfertigen, der zu Ellenbogenkultur und Enteignung der Schwächeren führen könnte, erscheint bodenlos und aberwitzig, wenn man bedenkt, dass ein Werk – meist anders als eine Idee – bis zur Fertigstellung oft neben Liebe, Talent, Erfahrung und Ausbildung lange harte Arbeit und mitunter beträchtliche finanzielle Ressourcen benötigt. Ein längerer konkret ausformulierter Witz eines Standup-Comedians, der eine vergleichbare Schöpfungshöhe erreicht, ist selbstverständlich auch urheberrechtlich geschützt. Es stellt sich die Frage, ob Frau Hofmann einen nicht geschützten Zweizeiler mal ein bisschen mit einem Hollywoodfilm verglichen wissen will, um Gedanken darüber anzuregen, ob der Hollywood-Film nicht auch mit weniger Urheberrechtsschutz auskäme. Sollten solche Gedankenspiele tatsächlich wesentliche Teile des Forschungsansatzes sein, stellt sich die Frage, ob er von hinreichend Respekt gegenüber dem kreativen Werkschaffen getragen ist.

Man könnte fast spekulieren, dass das Institut für Internet und Gesellschaft genau den Mechanismus für den Kreativ-Markt hervorforscht, der Google ebenso wie illegale Plattformen reich macht: Denn die Unternehmen bevorzugen es, mit urheberischen Werken so umzugehen, als seien es lediglich nicht geschützte Ideen aus der „Public Domain“. Für Google und die Plattformen wäre es praktisch, wenn die Kreativen ihre Werke mal eben dem von ihnen eigennützig monetarisierten „Gemeineigentum“ überschrieben, denn:

Digitalkommunismus für die Künstler ist das Potenzmittel für den Kapitalismus der IT-Wirtschaft.

Soziale Regulierung als Ersatz für Urheberrechtsschutz hat eine weitere Schattenseite, die Frau Hofmann trotz ihrer Warnung vor Romantisierung unerwähnt lässt: Am ehesten schützt sie den, der in der sozialen Sphäre agiert und Bekanntheit genießt. Viele Komponisten und Textdichter (Urheber) beispielsweise, die für berühmte Song-Interpreten schreiben, arbeiten im Hintergrund. Ohne Urheberrechtsschutz ihrer Werke wären sie nicht nur der Marktmacht großer Unternehmen, sondern schon der größeren sozialen Macht der bekannteren Interpreten ausgeliefert. Ein Interpret könnte sich einen noch unbekannten Song eines unbekannten Komponisten einfach zu seinem eigenen machen. Die Öffentlichkeit könnte dies wohl kaum beurteilen.

So sollte doch wohl kein modernes, freiheitliches Urheberrecht aussehen! 

Abschließend noch mal Frau Hofmann zum Thema TV-Formate:

Es gibt, so sagen die TV-Produzenten selbst, gemessen daran, dass es keinen urheberrechtlichen Schutz gibt, relativ wenig’ tatsächliche Gerichtsprozesse. Man einigt sich normalerweise irgendwie anders.

Da fragt man sich: Bleiben Gerichtsprozesse nicht naturgemäß aus, wenn es kein Schutzrecht gibt, auf das sich ein Kläger stützen könnte? Sicher gibt es Verträge, die auch ohne Schutzrecht justiziabel sind, aber da kluge Geschäftsleute keine Verträge aushandeln, die sie nicht einzuhalten bereit sind, liegt es auf der Hand, dass es wenige Klagen gibt. Die eigentliche Ausbeutung der Kreativschaft findet dort, wo fehlende Schutzrechte es ermöglichen, vorvertraglich oder eben einfach ganz ohne Vertrag statt. Auswirkungen der Ausbeutung – bis hin zur Resignation von Ideenhabern, ihre Ideen überhaupt zu schleifen und zu präsentieren – kann erahnen, wer sensibel ist. Eine Statistik über Gerichtsprozesse sagt darüber rein gar nichts aus.

Aber wie auch immer die Wahl der Methoden am Institut bedingt ist: Die trotz aller rhetorischen Einschränkungen hervor schimmernde Vision eines stärker selbstregulierten digitalen Kulturgütermarktes dürfte Netz-Hütern und -Nutzern erstmal genau so gut schmecken wie Kindern ein McDonald’s-Menü. Schneller und günstiger Konsum ist nun mal attraktiv. Aber so wie die Lebensmittelindustrie-Maxime „schnell und günstig“ schleichende Auswirkungen auf die Qualität der Nahrungsmittel hat, wird es auch Auswirkungen auf die Motivation, die schieren Lebenskräfte und damit auf die Qualität der Arbeiten von Urhebern haben, wenn man ihren Schutz allein dem Markt überlässt und ihre Werke im Netz nach den Gesetzen von Konzern-Profitmaximierung als digitales Fast Food frei verschleudert. Ob solche Zusammenhänge am Institut für Internet und Gesellschaft wohl beleuchtet werden? Zum Thema „Internet und Gesellschaft“ gehören sie jedenfalls zwingend.

Fest steht: Nicht nur Künstler, sondern auch Forscher geraten gegenwärtig in den Zugzwang neuer Finanzierungsmodelle.

AK

ANNETTE SCHAVAN versus MASHPUSSY

Wir sind die ProsumentInnen. Wenn wir remixen, schreiben wir die Geschichten von Liedern, Romanen und Filmen weiter. Die Kopie ist unser Herzschlag. Sie ist der Puls des Netzes, wir können gar nicht anders als die ganze Zeit kopieren. Die Kopie ist der Reproduktionsprozess unserer Remix-Kultur, die Zellteilung, auf der jeglicher Informationsfluss beruht.

Das ist das Credo von Mashpussy, die in ihren fünf Pussyrants ausdrückt, was auch die untergehende Piratenpartei im Namen der Netzgemeinde predigt: Ein Grundrecht auf Remix, das Recht auf freies Sharen von digitalisierten Werken und eine Beschränkung der Kontrolle, die Urheber über ihre Werke ausüben können.

Aber ist der Wunsch neu? Zu treffend für bloße Satire berichtet EINE ZEITUNG, dass die Mehrheit der Internetgemeinde die auf ihrem Doktortitel ausgerutschte Annette Schavan im Bildungsministeramt lassen will, „weil sie schon 1980 copy & paste mit Schreibmaschine beherrschte“. Schavan hat, so betrachtet, ebenso wie Karl-Theodor zu Guttenberg einfach Paste-Kultur gelebt und Bestehendes ohne lästiges Zitieren „weiter geschrieben“. Ihre Doktorarbeit ist ein Mashup und sie ihrer Zeit weit voraus. Karl-Theodor zu Guttenberg hatte die Zeichen der Zeit mindestens findig erkannt und das Pasten mit moderneren Mitteln auch etwas umfangreicher betrieben.

Leider hält Mashpussy seit einiger Zeit den Rant. Fragen wir also die Piratenpartei zum Fall Schavan. Die sagt:

Eine Person, die in ihrer Dissertation geistige Leistungen anderer als ihre eigenen ausgegeben hat, ist nicht dazu geeignet, das Amt der Bildungsministerin glaubwürdig auszufüllen.

Seltsam. Das klingt irgendwie gar nicht piratig-mashig-netzgepulst. Bruno Kramm, der Mashmacker und Urheberrechtschefclown der Piratenpartei, bläst dasselbe dröge Horn:

Piraten fördern die freie Kopierbarkeit und das Verarbeiten fremder Werke ohne urheberrechtliche Barrieren. Dabei spielt für uns die Verbundenheit und Ehrlichkeit gegenüber den Autoren die wir zitieren, ein große Rolle. Plagiateure wie Anette Schavan demonstrieren eine verlogene Doppelmoral.

Ach was? Verbundenheit und Ehrlichkeit? Das sind nicht gerade die Gründungswerte der Piratenpartei. Auch die „geistigen Leistungen anderer“ standen nie als schützenswert im Zentrum. Wo immer im Jahr 2012 Kreative auf Würdigung und Abgrenzung ihrer geistigen Leistung bestanden, hörten sie von Piraten Dinge wie: Ihr macht doch gar nichts Besonderes, sondern krempelt nur das euch nicht gehörende Kulturgut ein bisschen um; das können im Zweifelsfall sogar Computer; es ist nicht hinreichend um daraus irgendwelche Vorrechte abzuleiten. „Geistiges Eigentum“, an das man bei den aktuellen Statements schon denken kann, lehnte die Piratenpartei ab und folgte lieber mit Mashpussy dem Leitbild der Wissensallmende mit fröhlich-frivol-kostenneutralem Gemeineigentum am Werkschaffen des (hoch geschätzten und natürlich nicht ausgebeuteten!) Einzelnen.

Da ist es doch erstaunlich, dass Annette Schavan von den selbsternannten Ideenkopierern nun nicht geschont, sondern angegriffen wird: Sie habe sich fremde Inhalte zu eigen gemacht. Das wirft ein neues Piratenlicht auf File-Sharer und Betreiber kommerzieller Hosting-Plattformen, die sich ebenfalls Werke Anderer zu eigen machen, indem sie sie benutzen, um sich gegenseitig Konsumvorteile oder Profite zuzuschustern, die komplett an den Erschaffern der „geteilten“ Inhalte vorbei gehen.

Ja, hier musste ein bisschen Platz für einen Piratenaufschrei gelassen werden. Es ist doch klar, dass die Fälle nicht in jeder Hinsicht vergleichbar sind. Ungehinderten Datentausch und korretes Zitieren kann man durchaus gleichzeitig fordern. Wenn man aber den größeren Kontext beachtet, erklärt sich das schale Gefühl, das die Piraten mit ihren aktuellen Statements hinterlassen: Solange es um das korrekte Zitieren in der Wissenschaft geht, sind strenge Regeln zur Abgrenzung geistiger Eigenleistungen von dem untergeordneten Informations-Kollektiv genehm. Sobald im Bereich der wirtschaftlich ausgerichteten Kulturgüterproduktion Vergütungsregeln (Verwertungsvorgänge) ins Spiel kommen, wird aber das Informations-Kollektiv als übergeordnet herangezogen, um die Eigenleistung zu schmälern. Auf Deutsch: Geistiges Eigentum ist so lange okay, wie es nichts kostet und keine Zugangsbeschränkungen bedingen kann. Das ist dann wohl der Kern der Piraten-Regel, dass seine gewissenhafte Nennung das einzige verbindliche Recht eines Urhebers sein sollte. Denn ein wahrhaft ideeller Urheber möchte doch niemals Geld mit seiner Leistung verdienen. Er ist stolz, rezipiert und zitiert zu werden. Gestützt wird die Regel, und das macht Fälle wie den Schavans hochschulintern pikant, von einigen Hochschullehrern mit einer gewissen Genugtuung, weil sie es mangels Wirtschaftlichkeit ihrer eigenen Werke gewohnt sind, nur fürs Gelesen- und Zitiertwerden in kleinen Fachkreisen zu schreiben. Sie haben mit der Minimalisierung des Urheberrechts durch Streichung von Urheberansprüchen aufgrund von Nutzungsvorgängen nichts zu verlieren. Eher gewinnen sie gegenwärtig durch den modern-piratigen Anstrich ein bisschen an Coolness und Publicity und nebenbei mehr Freiheit, fremde Werke für ihre Netz-Präsentationen zu verwenden. Jedenfalls liegt einigen die Forderung, dass doch bitte alle Kreativschaffenden dieses unwirtschaftliche Minimalprinzip leben sollten, auch wenn ihre Werke für deren Verwerter wirtschaftlich hoch einträglich sind, alles andere als fern.

Wenn man spasseshalber mal akzeptiert, dass die Nennung alles ist, was ein Urheber an verbindlicher (also auch einzufordernder) Wertschätzung seiner Arbeit erwarten darf, stimmt auch Bruno Kramms Satz: „Die PIRATEN vertreten ein positives, schöpferisches Menschenbild. Wir schätzen die Meinungen, das Wissen und die Schöpfungen anderer.“ Jeder schätzt die Schöpfungen Anderer eben auf seine Weise: Es ist Ausdruck höchster Wertschätzung, wenn Konsumenten Werke auf Tauschbörsen in Umlauf bringen. „Sharing is Caring“. Kim Dotcom hilft der Menschheit, all die großartigen Werke kostenlos tauschen und konsumieren zu können. (Bloß finden sich auf seinen Plattformen seltsamerweise so gut wie keine wissenschaftlichen Werke, sondern nur solche mit kommerziellem Potenzial. Warum eigentlich???) Das ist Ausdruck seiner Wertschätzung und kulturellen Ader. Die Piratenpartei setzt sich für das freie nonkommerzielle Privatkopieren ein, weil sie Kultur so sehr schätzt, dass an ihre Verbreitung keine Bedingungen geknüpft werden dürfen. Und wenn kommerzielle Plattformen an diesen nonkommerziellen Kopiervorgängen reich werden, ohne Urheber zu beteiligen, ist das der Piratenpartei herzlich egal.

Ja, im piratösen Nebel gibt es für jeden Nutznießer des schiefen Freiheitsverständnisses eine heiligende Schwurbelei. Für Kreative gibt es immerhin eine Beschwichtigungsformel: Wenn sie wirklich Künstler sind, kommt es ihnen auf Profit gar nicht an. Piratiges Auftreten macht also nicht nur Wissenschaftler, sondern auch sie cool und hilft ihnen im Fall von Zweifelhaftigkeit, zu beweisen, dass sie echte Künstler sind, von denen nur böse Zungen behaupten, es ginge ihnen um Geld. Einigen nützt das.

Nur für Annette Schavan gibt es aktuell nichts Nettes. Seltsam. Es könnte doch Ausdruck ihrer höchsten Wertschätzung gegenüber den benutzten Textstellen sein, dass sie die Gedanken weiterentwickelt hat. Zu viel korrektes Belegen hätte sie in ihrer Schreib-Freiheit behindert. Vielleicht wäre das Werk dann insgesamt viel schwächer geworden, oder sie hätte es neben der politischen Arbeit – wie auch Karl-Theodor zu Guttenberg – gar nicht fertig stellen können. Sie hat auch nichts gestohlen, denn die Textstellen sind im Original noch da. Da wurde bestimmt nichts aus Unikaten ausgeschnibbelt! Plagiieren ist technisch heute im Übrigen ganz einfach möglich und wirklich sehr, sehr verbreitet. Wir werden es nie völlig verhindern können. Müssen wir uns dieser Realität nicht einfach stellen anstatt mit Sanktionen dagegen vorzugehen? Sollte, falls wir Doktortitel überhaupt noch brauchen, nicht sowieso lieber das mildtätig-neutrale Unternehmen Google anstelle von korrupten Universitäten entscheiden, wer einen solchen Titel verdient hat? Google ist jedenfalls schneller im Aufdecken von kopierten Passagen als ein durchschnittlicher Professor.

Nein, im Fall Schavan endet für die Untergangspiraten dann doch strikt die Freiheit im Umgang mit fremden Inhalten. Damit schlägt allerdings auch das Rechtfertigungs-Rettungsschiff der Piraten Leck, nämlich weil deutlich wird, wie sehr verbindliche Regeln im Umgang mit geistigem Gut als Teil einer nicht nur oberflächlichen Freiheit gebraucht werden. In der Wissenschaft wird das von den Fürsprechern der „freien Kultur“ so sehr gepriesene „freie Schreiben“ und ungehinderte Remixen durch das Gebot der Zitation deutlich erschwert. Das ist für die Schreiber aufwändig und lästig, sichert aber langfristig Qualität. Auf dem Kulturgütermarkt wird das „freie Verbreiten“ durch das Gebot der Vergütung und Einwilligung zur Bearbeitung erschwert. Das ist auch aufwändig und lästig, sichert aber langfristig ein Stück Qualität von Werken und die Teilhabe der Erschaffer am wirtschaftlichen Vorteil der Werkverbreitung. Es hilft ihnen, in ihre künstlerische Zukunft und neue aufwändige Werke zu investieren. Die Metapher „geistiges Eigentum“ greift in beiden Bereichen.

Vielleicht macht der Fall Schavan deutlich, dass Mashpussy – repräsentativ für viele Netzapologeten – die Sache etwas einseitig sieht:

Das Urheberrecht zwingt KünstlerInnen in einen Wettbewerb um Originalität. Jeder gegen jeden. Urheber gegen Urheber. Eifersüchtig bewachen sie ihre geistigen Schöpfungen und beäugen argwöhnisch jeden Mitstreiter als potentiellen Dieb und Spion, der es nur auf ihr sogenanntes geistiges Eigentum abgesehen hat. Als Einzelkämpfer haben sie es nie gelernt, ihre Ideen und Werke zu teilen und in einen gemeinsamen Pool an Kreativität zu geben. Dadurch delegitimiert das Urheberrecht die Vorstellung einer Wissensallmende und verkrüppelt soziale Verbindungen.

Wie könnte man ernsthaft solchen Wettbewerb in der Wissenschaft als fördernd gut finden, in der Kunst und Kulturgüterproduktion aber als Bremse ablehnen? Dass kurzsichtige und Individualrechte mit Füßen tretende Gedankenkonstrukte, die diesen Widerspruch tolerieren, aus der Politik verschwinden, ist jedenfalls aktuell wichtiger als die legitime nachträgliche Überprüfung von Doktorarbeiten. Und es ist durchaus seltsam, dass die Überprüfung von Doktorarbeiten ausgerechnet in einer Zeit in Mode kommt, in der mehr denn je über Mashup und die demokratisch-freiheitlichen Aspekte des freien Verwurstens fremder Inhalte philosophiert wird.

AK

PS: Vielleicht haben die Gutachter auch einfach den unermesslichen kulturellen Wert der Arbeit Schavans verkannt. Denn „Kultur ist Kopie und Kopie ist Kultur“, wie bln.fm über Dirk von Gehlens Streitschrift „Mashup. Lob der Kopie“ schreibt. Die Schrift will der Besprechung zufolge mit „begrifflichen Unklarheiten wie dem ‚geistigen Eigentum‘ oder der unsäglichen Kampfparole ‚Raubkopie'“ aufzuräumen. Der Fall Schavan erscheint in einem völlig neuen Licht, denn: „… unsere binär kodierten Begriffe vom famosen Original und dessen schäbiger Kopie sind lediglich Zuschreibenden und damit soziale Konstruktionen.“ Eigentlich unverständlich, dass von Gehlen in der selben Besprechung gesagt wird, er müsse aufpassen, nicht alle Konzepte in einen Topf zu schmeißen und diese zu einem postmodernen Mischmasch zu verrühren. Genau dieses Mischmasch braucht man doch, um sämtliche Fragen von Urheberschaft und Kopie zu egalisieren und die moderne Welt zu ermöglichen, die von Frau Schavan einfach ein bisschen früher erahnt wurde.

GRATISMENTALITÄT – 2013 WIEDER ERLAUBT?

Am 18.12.2012 drischt Sascha Lobo auf Kulturstaatsminister Bernd Neumann ein, weil der gern „Gratismentalität“ sagt: Der Begriff ist Unsinn und unterstellt dem Volk erwiesenermaßen zu Unrecht, Urheberrechte im Internet nur deshalb zu missachten, weil es für digitale Produkte nicht zahlen will. Nun gut. Aber gleichzeitig leugnet wohl niemand, dass ein an sich legitimes Interesse im Volk besteht, Produkte preisgünstig oder auch gratis zu bekommen. Gibt man bei Google „film download“, „musik download“, „buch download“ oder „software download“ ein, wird immer auch der Ergänzungsvorschlag „kostenlos“ gemacht. Lobos Verärgerung wird, vor dem eigentlichen Clou, auf jeden Fall etwas verständlicher, wenn man sieht, was er nicht so explizit erwähnt: Es muss das illegale Angebot ja erstmal mitsamt einer funktionierenden Zahlungs-Infrastruktur für Werbedienste geben. Dazu gehören Viele, nicht nur die Nutzer, die daher wirklich nicht alle Schuld am Piraterie-Problem tragen. Und: Google selbst – nicht Herr Neumann, wie Sascha Lobo polemisiert – ist „gratismental“. Der Suchmaschinenbetreiber kämpft beharrlich durch millionenschwere Unterstützung von Politik und Wissenschaft für die Beschneidung von Copyrights und Urheberrechten. Und wirbt selbst auf illegalen Portalen. Warum? Er und seine für ihn besonders attraktiven Gratis-Anbieter wollen selbst das meiste Geld am Vertrieb digitaler Inhalte verdienen und dabei möglichst wenig – gern auch gar nichts – an die Erschaffer der Inhalte abgeben. Die ach so geheiligten Nutzer sind nur Mittel zum Zweck im Milliardengeschäft. Inhalte ungeachtet der Interessen ihrer Hersteller gratis nehmen (oder geschickt durch Nutzer nehmen lassen) und durch Werbekunden teuer bezahlt möglichst ohne Beteiligung der Hersteller wiederum gratis einer größeren Zahl von Nutzern zugänglich machen ist die mal mehr, mal weniger direkt umgesetzte Maxime der Google- und Facebook-Familien ebenso wie der einschlägigen illegalen Anbieter.

Also sind es ein bisschen die Nutzer und ein bisschen die Netz-Dienste, die das Real-Gespenst der Gratis-Mentalität in ihre Mitte nehmen. Es im Bereich der unregulierten Verbreitung digitaler Inhalte völlig vom Nutzer weg reden zu wollen, ist in einer Welt, die an allen Ecken mit Billig- und Gratisangeboten wirbt, albern. Wer gern mit Worten bastelt, kann natürlich gern für „Mentalität“ einen besseren Ersatz finden. Aber das ist wohl eher Beiwerk.


Und jetzt kommt der Clou. Zum 01.01.2013 klärt uns Sascha Lobo darüber auf, „was man 2013 über das Internet wissen muss, um die Welt zu verstehen“. Er merkt vorsichtig an, dass Google zu groß und börsenorientiert ist, um „gut“ zu sein. Wichtigstes Thema des neuen Jahres sei aber Netzneutralität: „Zur größten Bedrohung für die Netzneutralität könnten in den kommenden Jahren nicht die Telekommunikationsunternehmen werden – sondern deren Kunden. Und zwar genau dann, wenn sie in Massen entscheiden, dass ein kostenloses Paket aus Facebook, YouTube, Chat und ein paar Dreingaben ausreicht.“ Der Hammer! Die armen Nutzer sind also Schuld daran, wenn Netzanbieter andere Nutzungsarten ausschließen und so die Netzneutralität mit Füßen treten? Wahnsinn. Da haben Piraten 2012 doch so sehr versucht, uns weis zu machen, dass die Gewohnheiten der Netz-Nutzer vorgeben, was legal, hoch moralisch, modern und schlichtweg einzig richtig ist. Sie und Lobo waren sich einig: Gratis-Mentalität ist nicht das Thema, und Nutzer gehören entlastet. Und jetzt das. Netz-Nutzer sind Mit(!)verursacher, dass das Netz nicht so werden könnte, wie es eigentlich sein sollte, und zwar ausgerechnet durch ihren Hang zum Gratis-Angebot! Schade, dass Lobo den falschen Begriff kurz vorher ausradiert hat, denn hier böte er sich wirklich an. Oder ist er 2013 wieder erlaubt? Anderenfalls wäre es seltsam, dass nur, wenn es um die Kreativbranche geht, die Argumentation, „das Problem möge doch bitteschön bei den ungezogenen Kunden liegen und damit nicht im eigenen Angebot“ von Lobo zum No Go erklärt wird, während im anderen Thema das Angebot die mechanische Abbildung des fragwürdigen Nutzerverhaltens darstellen soll.

Die unglaubliche Botschaft zusammengefasst: Im Bereich digitalisierter Kulturgüter geben bitteschön die Nutzer vor, wie das Netz zu funktionieren hat – koste es die Interessen der Kreativen zu Gunsten der Nutzer, wenn die Kreativbranche die Quadratur des Kreises nicht schafft: mit Gratis-Anbietern durch Bezahl-Angebote konkurrieren und dabei den Längeren ziehen. Beim Thema Netzneutralität sind die Nutzer eine Bedrohung für das Netz, wie es eigentlich zu funktionieren hat – koste es die  Solidarisierung der Netzhüter mit den Nutzern zu Gunsten von Wertvorstellungen, die über das Netz gestellt werden. Das heißt erstmal: Man versteht 2013 die Welt, wenn man sie nicht mehr versteht. Naja, wo sie schon nicht untergegangen ist, kann man das verschmerzen. Oder deutet sich hier ein gutes Vorzeichen an, dass man 2013 verstehen wird, dass das Netz inklusive all seiner Beteiligten verbindliche Wertvorstellungen und Regulierungen braucht, die sich nicht allein aus dem Netz selbst entwickeln?

AK

INTELLIGENZ BRAUCHT KEINEN POLSTERSTUHL

Sehr geehrter Christian Handke,

als Assistant Professor of Cultural Economics an der Erasmus University Rotterdam haben Sie Erstaunliches zum Urheberrecht herausgefunden und im Gespräch mit Hilmar Schmundt von Spiegel-Netzwelt kundgetan. Unter dem phänomenalen Titel „Kreativität braucht kein Copyright“ erfahren wir: Intuitiv denken viele Menschen, dass es ohne das heutige Urheberrecht keine Kreativität geben würde, aber für diesen Zusammenhang gibt es keine Belege. Ach was? Sonst gibt es doch für jeden Unsinn Belege. Hier ausnahmsweise nicht? Vielleicht liegt das daran, dass diese Belege entgegen Ihrer Unterstellung gar nicht gebraucht werden. Die Menschen, die ich kenne, denken jedenfalls, dass Kreativität im Menschen und nicht im Rechtssystem liegt. Das Urheberrecht verleiht dem Kreativen lediglich ein Recht an seinem geistigen Werk. Es ist Wirtschafts- und nicht Talentgrundlage. Wenn Sie aber richtig liegen, denken Viele wohl auch, dass es ohne Arbeitnehmerrecht weniger Arbeit gäbe. Halten wir sicherheitshalber fest: Es gäbe schlechtere Konditionen für die Arbeitenden, aber eher sogar mehr Arbeit. Sklavenarbeit eingeschlossen. Die Menschen müssten schließlich mehr und härter arbeiten, um den Verlust ihrer Schutzrechte auszugleichen. Ja, genau so sehen Ihre Schlüsse konsequenterweise aus: Kreative müssen, wie Sie andeuten, einfach nur schneller und mehr arbeiten, um sich ohne Urheberrecht des Kopierens zu erwehren. Genau genommen müssten sie wohl schneller Neues schaffen als die Datenbanken der Netz-Giganten Altes auswerten könnten, denn ohne Urheberrecht gehören kreative Werke dem, der sie hortet und nicht dem, der sie erschafft. Die müde Meute der professionellen Kreativschaffenden würde so richtig angeheizt, und somit hätte die Allgemeinheit keinen Verlust an Werk-Masse zu befürchten. Wow, wie innovativ und zugleich human Wissenschaft in ihrer emotionslosen Stringenz doch sein kann! Und wie gut, dass Sie Quantität zum alles bestimmenden Kriterium machen! Qualität – who shares? Wir brauchen mehr solche Erkenntnisse! Da Forschung ja aber Ihrer Einschätzung nach dauern kann, habe ich einen Vorschlag: Ziehen wir Ihnen doch den professoralen Stuhl samt all seiner Sie schützenden Rechte weg! Sie müssen dann einfach ein bisschen mehr, besser und schneller forschen. Das beflügelt Ihren Geist und dient der Allgemeinheit. Dann haben wir es bald geschafft. Sowieso: Die bei vielen Menschen vorherrschende intuitive Annahme, dass nur auf gepolsterten Stühlen intelligent gedacht wird, ist (hoffentlich!) falsch. Danke, dass Sie zum Denken angeregt haben. Und vorab schon mal vielen Dank für Ihren kommenden unermüdlichen Einsatz!

AK

WIR SIND DIE CROWD! WIR FUNDEN DICH! ERWARTE UNS!

Lieber Johannes Ponader, das ist echt nicht nett vom Bernd Schlömer, dass er dir erst einen medialen Maulkorb verpasst und jetzt kackendreist mit dem hinterfotzigen Ratschlag an dich, „mal zu arbeiten“ Schlagzeilen macht. Du hast so viel für ihn geschuftet, und jetzt dieser Undank. Nimm es dir einfach nicht zu Herzen. Schlunz Schlömi reicht nur weiter, was ihm sein Chef reinwürgt. Der sagt ihm nämlich mittlerweile täglich: „Arbeiten Sie eigentlich auch, Herr Schlömer, oder machen Sie nicht doch mehr Parteiarbeit auf unsere Kosten?“ Ja, so sieht’s aus, Johannes. Wie gut, dass du dich auch nicht weiter beeindrucken lässt und wieder durch die Talkshows tingelst, denn: wir brauchen dich! Du bist es, der den bedingungslosen Grundkurs der Piratenpartei (steil gen Abgrund) auch im Wahlkampf konsequent verfolgt. Du bist nicht dem Bundestags-Sessel verpflichtet oder von der winkenden Diät verführt, sondern ein unbestechlicher Befreier. Nicht du turnst die Wählerschaft ab, sondern die anderen in deiner Partei tun das mit ihrer Doppelmoral. Schau mal, während die Prinzipienuschi wider jedes Piratenideal gegen den Download ihres Buchs vorging (aus Dankbarkeit über die sechsstellige Bestechung der Content Mafia) und sich jetzt von eurer Bande strategisch den Mund verbieten lässt (und in vorauseilendem Gehorsam sogar ihr Facebook-Profil gelöscht hat – digitaler Selbstmord), bist du ehrliche Wege gegangen und hast mitten im Kampf gegen Abgeordneten-Bestechung eine korrekte Crowd Funding Aktion für dich selbst gestartet, als das mit dem Hartz IV wegen der entarteten Arbeitsämter bröckelte. Dass die Aktion wohl nicht so gut lief, ist nicht dein Fehler, Johannes. Denn die Piratenpartei sagt ja, dass Crowd Funding das Mittel der Wahl ist und Leute gern freiwillig zahlen. Da die Wahlen näher rücken und wir dich in Bestform brauchen, damit du deine Bande überführst und versenkst, möchten wir dir helfen durch einen edlen Aufruf:

Vernunftsbegabte Bürger des Landes, seid bitte so gut und schickt dem Johannes Ponader einen Hunni, damit er uns erhalten bleibt und tut, was ihm gute Mächte befahlen. Es darf auch ein kopierter Hunni sein, wenn’s keiner merkt und ihr nicht vergesst, den Modus „Privatkopie“ anzuknipsen. Aber schickt ihm was! Es geht um unser Land!

Ja, wir sind die Crowd! Wir funden dich! Erwarte uns!

AK

Nachtrag: Das ging schnell. Es kamen so viele kopierte Hunnis zusammen, dass Johannes Ponader keine 24 Stunden später seine eigene Spendenaktion beenden konnte. Da ist sie, die Welt des Überflusses.

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Der Schrei nach Musik, dem richtigen Song und Gerechtigkeit

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Über Medienarbeit und die Messung ihres Echos

der gespaltene westen

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Ein Poesiealbum

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